Jindrich Mann, Enkel von Heinrich Mann, liest in Schönsee aus seinem Buch "Prag, poste restante"
Pilzblinde Mutter und nickender Engel

Schönsee.Es ist ein "eigenartiges und ein schönes Buch", wie es in einer Rezension hieß, ein Buch, das laut Verlag die "unbekannte Geschichte der Familie Mann" erzählt, in dem es aber hauptsächlich um Prag im 20. Jahrhundert geht. Vor allem aber ist es ein Buch, von dem nicht so ganz klar ist, in welche Kategorie es denn nun gehört - Sachbuch oder doch Belletristik.

Für "Tatort" geschrieben

Jindrich Mann, sein Autor, tendierte am Donnerstag im "Centrum Bavaria Bohemia" (CeBB) eher in Richtung Roman. Mann ist der Enkel des großen Romanautors Heinrich Mann, hat aber noch nicht einmal ansatzweise den Anspruch, in die Fußstapfen des Großvaters zu treten. "Prag, poste restante" ist, obwohl zunächst in Deutsch geschrieben, auch kein deutsches Buch. Es gehört in eine ganz andere Erzähltradition, in die tschechische nämlich, und folgt damit eher Manns Vater, dem in seiner Heimat noch immer geschätzten Journalisten, Bestsellerautors und brillantem Märchenerzähler Ludvik Askenazy.

Jindrich Mann ist von Beruf auch nicht Schriftsteller, sondern Filmemacher. Er hat Drehbücher für den "Tatort" geschrieben und Folgen von "Peter Strohm" inszeniert. Und selbstverständlich hat er nie beabsichtigt, die "unbekannte Geschichte der Familie Mann" zu schreiben. Dass es trotzdem auf dem Cover der deutschen Ausgabe behauptet wird, sei der Marketingabteilung des Verlags geschuldet, so Mann am Donnerstag.

Um was geht es aber dann? Vielleicht ja darum, "wie sich die große Geschichte mit der kleinen, der privaten Geschichte verwebt". Die Übersetzerin und Literaturwissenschaftlerin Kristina Kallert hat diesen Aspekt ins Spiel gebracht und Mann auch sonst mit reichlich Emphase durch den Abend begleitet.

Tatsächlich ist der Dreh- und Angelpunkt des Buches die brutale Niederschlagung des "Prager Frühlings" 1968 durch sowjetische Panzer. Für den damals 20-jährigen Mann und seine Familie das Signal, dass es Zeit ist, das Land zu verlassen. "Wir sind nicht ausgewandert, wir sind emigriert", so Mann, "das ist ein Unterschied!" David Stecher, der Leiter des Prager Literaturhauses und Mitveranstalter der Lesung im CeBB, hatte das Wort vom "Auswandern" kurz zuvor in seiner Begrüßung in den Mund genommen.

Die Familie flieht nach Deutschland, ausgerechnet in das Land also, aus dem die Mutter 1933 vor den Nazis nach Prag geflohen war, nur um sich alsbald unter deutscher Besatzung wieder zu finden. Von Berlin aus, wo die Mann-Askenazys unterkommen, erinnert sich der Sohn an seine Kindheit und Jugend in Prag - und schreibt diese Erinnerungen viele Jahre später nieder.

Das Leben, ein Traum?

Eine im besten Sinne phantastische Welt tut sich da vor dem geneigten Leser auf. Gleich zu Beginn lernt er jenen Mathematiklehrer Manns kennen, der die ganz und gar unmathematische These vertrat, das Leben sei nur ein Traum. Er erfährt von der "pilzblinden" Mutter, der geliebten "Maminka", die nicht in der Lage war, einen Pilz zu finden, selbst wenn er direkt vor ihren Füßen aus dem Boden spitzte, es aber trotzdem immer wieder versuchte.

Und schließlich begegnet er auch dem Engel in der Prager "Heilig Kreuz"-Kirche, der immer dann, wenn eine Münze in den Opferstock vor ihm geworfen wurde, nickt, was den kleinen Jindrich ungemein fasziniert hat. Kein Wunder also, dass das Buch heißt, wie es heißt: "Prag, postlagernd".
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11335)November 2014 (8193)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.