Judit Polgár
Abdankung

Nun ist es amtlich: Die ungarische Schachkönigin Judit Polgár ist von der internationalen Schachbühne abgetreten. 25 Jahre lang führte sie ununterbrochen und unangefochten die Weltrangliste der Damen an, saß also auf dem Schachthron, den sie im Alter von 13 Jahren bestieg.

Zu verdanken hat sie ihre Schachkarriere ihrem Vater, der ihr Trainer und Förderer war. Sein Ziel war es nachzuweisen, dass durch effizientes, gezieltes Training Großes geleistet werden kann. Wie ihre älteren Schwestern Zsuzsa und Zsófia war Judit vom öffentlichen Schulbesuch befreit. Alles konnten sie konzentriert zu Hause lernen. So blieb viel Zeit für das Schachtraining übrig.

Schon bald konnte ihr Vater die Früchte seines Fördermodells ernten. Judit als die begabteste der Polgár-Schwestern gewann schon 1986 als 10-Jährige die U-16-Weltmeisterschaft der Mädchen und 1988 und 1990, als jeweils einziges Mädchen im Teilnehmerfeld, die allgemeine U-12- und U-14-Weltmeisterschaft. Mit 15 Jahren und 4 Monaten erzielte sie die erforderlichen Großmeisternormen und verbesserte den damals gültigen Rekord von Bobby Fischer um einen Monat.

1989 setzte sie sich an die Spitze der Frauenweltrangliste, nahm jedoch seitdem nur noch an Männerturnieren teil. 1994 erhielt sie erstmals die Einladung in die Schachhochburg Linares. Im selben Jahr wurde sie Mitglied der ungarischen Nationalmannschaft der Herren, mit der sie sechsmal die Schacholympiade bestritt. 2002 errang sie mit dem Team die Silber- und in der Einzelwertung die Bronzemedaille.

Als erste Frau der Schachgeschichte überhaupt wurde sie Kandidatin für die Weltmeisterschaft und gewann eine Medaille bei einer offiziellen Meisterschaft: Bronze bei der EM 2011. Sie erreichte mit 8,5 aus elf die gleiche Punktzahl wie der Sieger, der Russe Wladimir Potkin. Ihre höchste Elo-Zahl stand im Juli 2005 bei 2735. Mit immerhin 2675 Elo-Punkten trat sie als Nr. 69 der allgemeinen Weltrangliste von der internationalen Schachbühne ab.

Aus dem Pool ihrer vielen Siege haben wir den gegen den damaligen Weltmeister Garry Kasparov ausgewählt, der 2002 entscheidend zum Sieg einer Weltauswahl gegen Russland beitrug.

Weiß: Judit Polgár

Schwarz: Garry Kasparov

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.0-0 Sxe4 5.d4 Sd6 6.Lxc6 dxc6 7.dxe5 Sf5 8.Dxd8+ Kxd8 9.Sc3 h6 10.Td1+ Ke8 11.h3 Le7 12.Se2 Sh4 13.Sxh4 Lxh4 14.Le3 Lf5 15.Sd4 Lh7 16.g4 Le7 17.Kg2 h5 18.Sf5 Lf8 19.Kf3 Lg6 20.Td2 hxg4+ 21.hxg4 Th3+ 22.Kg2 Th7 23.Kg3 f6 24.Lf4 Lxf5 25.gxf5 fxe5 26.Te1 Ld6 27.Lxe5 Kd7 28.c4 c5 29.Lxd6 cxd6 30.Te6 Tah8 31.Texd6+ Kc8 32.T2d5 Th3+ 33.Kg2 Th2+ 34.Kf3 T2h3+ 35.Ke4 b6 36.Tc6+ Kb8 37.Td7 Th2 38.Ke3 Tf8 39.Tcc7 Txf5 40.Tb7+ Kc8 41.Tdc7+ Kd8 42.Txg7 Kc8 und Schwarz gab gleichzeitig auf.

Tagesnotizen: Die Partie zu Taktikaufgabe Nr. 83a kam bei der letzten Schacholympiade in der Partie zwischen FM Andreas Vargas (Venezuela) und der großen GM Judit Polgar auf das Brett. Mit seinem letzten Zug 1.g3? wehrte Weiß das drohende Matt Dxh2# ab. Besser wäre 1.Th3! mit Gewinn gewesen. Nach diesem Versäumnis dreht Schwarz den Spieß um. Wie brachte Schwarz am Zug den Gewinn forciert nach Hause?

Der Zweizüger in Aufgabe Nr. 83b stammt von dem der Poesie zugeneigten Autor Vladimir Nabokov, eher bekannt als Schriftsteller (sein bekanntester Roman: Lolita), Literaturwissenschaftler und Schmetterlingsforscher. Die Aufgabe ist seinem 1970 erschienenen Roman "Poems and Problems" entnommen. Sehen Sie, welche Überlegungen Weiß anzustellen hat, um den schwarzen König in zwei Zügen matt zu setzen?

Lösungen: Die Taktikaufgabe Nr. 82a (Kadimova-Ortega, W: Kg1, Df2, Ta1, Tf1, Ba2, c4, f3, g2, h2 [9], S: Ke8, Db6, Td8, Tg6, Bb4,e6, f6, f7 [8]) stammt aus einer Partie, die beim Linares Open 1996 zwischen der Aserbaidschanerin Ilaha Kadimova, damals bereits je zweifache weibliche Junioreneuropa- und -weltmeisterin und dem Italiener kubanischer Herkunft Lexy Ortega gespielt wurde. Zwar besitzt Weiß einen Mehrbauern, Schwarz dafür freie Linien für seine Schwerfiguren.

Diese nutzt Schwarz - ohne sich um seine angegriffene Dame kümmern zu brauchen - zum entscheidenden 1...Td2! Damit gewinnt Schwarz für seinen Turm die Dame. Da diese gefesselt ist, darf sie den Turm nicht schlagen. 2.Dxb6 würde zu 2...Tgxg2+ 3.Kh1 Txh2+ 4.Kg1 Tdg2# führen, weswegen sich Weiß geschlagen gab.

Eine elementare Gewinnkombination, die die junge Dame übersehen hat.

Mit Aufgabe Nr. 82b (Felber, W: Kh1, Lg1, Ba3, b7, c4, d7, e7, f6, h2 [9], S: Ka5, La8, Se6, Ba4, a6, f7, h4 [7]) hatten wir ein Selbstmatt in drei Zügen zum Lösen angeboten. Dieses fordert, dass Weiß am Zug den Schwarzen - gegen seinen Willen - zwingt, den weißen König matt zu setzen.

Auf die konkrete Ausgangsstellung übertragen bedeutet dies, den schwarzen Läufer zum Mattschlag auf b7 zu zwingen. So gilt es, die schwarzen Zugmöglichkeiten (durch Springer und Bauern h4) auszuschalten. Mit der Unterverwandlung 1.d8L+!nimmt sich Weiß zunächst den Springer vor. Dem Läuferschach kann Schwarz mit 1...Sc7 und 1...Sxd8 begegnen, weswegen zwei Abspiele zu untersuchen sind.

a) 1...Sc7. Jetzt ist der Springer gefesselt und deshalb ausgeschaltet. Doch noch ist Schwarz nicht zu Lxb7# gezwungen, da sein h-Bauer noch ziehen kann. Mit der Verwandlung des e-Bauern, dem einzigen Zug, der die Mattkonstellation aufrechterhält, wird Schwarz zum Bauernzug gezwungen. Bei der Wahl der Umwandlungsfigur hat Weiß jedoch darauf zu achten, dass diese das schwarze Läuferschach nicht parieren kann. Die Umwandlung in Dame, Turm und Läufer scheidet deshalb aus. Also: 2.e8S! h3, und nur mit 3.Sg7! wird Schwarz zu 3...Lxb7# gezwungen.

b) 1...Sxd8. Nun nicht 2.exd8D#?/ exd8L#?, da beides den schwarzen König matt setzt.2.exd8T? kommt wegen 2...Lxb7+ 3.Td5,h3 nicht in Betracht. Doch2.exd8S! reicht. Danach wird Schwarz zu 2...Lxb7+ 3.Sc6+! Lxc6# oder nach 2...h3 3.Sxf7! zu 3...Lxb7# gezwungen.

Und warum durfte Weiß im Schlüsselzug nicht zu 1.d8D+? greifen? Wegen 1...Sc7 2.e8S Lxb7+ 3.Dd5,h3, und es wird nicht im dritten Zuge matt.

Zwei Unterverwandlungen zwingen Schwarz zum Matt. Eine exzellente Komposition!
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