Keine netten Buben

Er zerschmetterte Gitarren auf der Bühne, schrieb mit "Tommy" die erste Rockoper überhaupt und gilt als ein Vorvater des Punkrock. Pete Townshend, Gitarrist der englischen Band "The Who", schuf das Image des wütenden und arroganten Rockstars.

Auf die Luftsprünge verzichtet er mittlerweile, und auch seine Gitarren zerschmettert er nicht mehr an den Verstärkerwänden. Aber Pete Townshend, der am 19. Mai 70 wird, erklimmt noch immer die Bühne, lässt den Arm wie einen Windmühlenflügel rotieren und drischt auf die Saiten ein. Seit einem halben Jahrhundert verkörpert der Gitarrist und kreative Kopf der legendären englischen Band "The Who" die Kunstfigur des wütenden und wilden Rockstars.

Dass er das Rentenalter erreichen würde, geschweige denn als Rockmusiker, konnte sich der 1945 im Londoner Stadtteil Chiswick geborene Musiker einst nicht vorstellen. "Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich alt werde", lautet eine der berühmtesten Songzeilen der Rockmusik. Der gerade einmal 20-jährige, von Selbstzweifeln und Depressionen geplagte Townshend untermalte sie mit Gitarrengeschrammel und Verstärkerdröhnen.

Das war vor fast 50 Jahren: "My Generation" katapultierte Ende 1965 die im Vorjahr gegründeten "The Who" an die Spitze. Die Hymne, ein einziger Schrei nach Freiheit, reflektierte das Lebensgefühl vieler junger Leute damals: Die Perspektivlosigkeit einer frustrierten Jugend, die sich eingeengt fühlte von Autoritäten in Familie, Schule oder Job.

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Pete Townshend, Roger Daltrey (Gesang) sowie die bereits gestorbenen Bandkollegen Keith Moon (Schlagzeug) und John Entwistle (Bass) waren anders als alles, was bisher in der Musikszene aufgekommen war: Die vier Londoner Schulkumpel waren arrogant und streitsüchtig - nicht die netten Buben wie die "Beatles", sondern die Freaks, die auf den Putz hauten. "Mit Rock'n'roll wollten wir die Welt verbessern", sagte Townshend einmal einem "Spiegel"-Reporter.

Den Sound dafür lieferte der aus einer Musikerfamilie stammende Gitarrist. Andere Bands wie die "Kinks" ("You Really Got Me", 1964) hatten die Rockfans zwar schon zuvor mit harten Gitarrenklängen aufhorchen lassen. Doch erst Townshend setzte innovativ die Verstärkerverzerrung, Rückkopplungen und donnernde Akkorde als Stilmittel ein. Songs wie "Substitute", "I 'm Free" oder "Won't Get Fooled Again" klangen härter und lauter. Sie ebneten den Weg für den Hard- und Heavyrock sowie den rohen Punkrock der 70er.

Stilbildend waren "The Who" nicht nur musikalisch. Bewusst inszenierten sie sich - aufgebaut von einem cleveren Management - als Pop-Künstler. Musik, Lebensstil und Mode sollten eine Einheit bilden. Townshend und seine Bandgenossen deckten sich in schicken Londoner Boutiquen mit ausgefallener Kleidung ein. Oder sie schneiderten sich Jacken mit dem Union-Jack, der britischen Flagge, selbst und dekorierten grellbunte T-Shirts mit Zielscheiben-Motiv. Die "Who" entwarfen damit ihren eigenen Kleidungsstil - was sie zur Kultband der Mods werden ließ, einer modefixierten und Motorroller fahrenden Jugendbewegung.

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"Quadrophenia" floppte

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Den Geniestreich lieferte Townshend mit dem Konzeptalbum "Tommy" (1969), das die Grundlage für das erste Rockmusical überhaupt bildete. Die Geschichte um einen misshandelten Jungen, der zum Helden am Flipperautomat wird, gilt als sein Meisterstück. Die Story wurde 1974 verfilmt, das Musical ist noch immer in Theatern weltweit zu sehen - zuletzt im Landestheater Linz in Österreich.

Wie für viele andere Stars brachte das Woodstock-Festival 1969 in den USA auch für Townshend und seine Truppe den internationalen Durchbruch. Das energiestrotzende, 1970 veröffentliche Album "Live at Leeds" gilt bis heute als eines der besten Live-Alben überhaupt.

Townshend zweites Rockmusical "Quadrophenia" (1973) floppte hingegen. 1983 - fünf Jahre nach dem Tod des exzentrischen Schlagzeugers Moon - lösten sich "The Who" auf. Townshend war 1985 als Solokünstler mit dem pop-orientierten Album "White City" kommerziell recht erfolgreich. 1999 formierten sich "The Who" neu und touren seither mit Unterbrechungen. In diesem Jahr sind sie in Europa und Nordamerika unterwegs.

Ein Schatten fiel 2003 auf Townshends Karriere, als er sich wegen des Verdachts des Kaufs von kinderpornografischen Bildern im Internet verantworten musste. Er glaube, als Kind sexuell misshandelt worden zu sein und habe in seinem Kampf gegen Kinderpornografie recherchieren wollen, gab er in Interviews und in seiner Autobiografie "Who Am I" (2012) zu Protokoll. Die Vorwürfe gegen ihn erhärteten sich nicht.

Auf große Welttourneen mit riesigen Stadien will der mittlerweile halb taube Pete Townshend nicht mehr gehen. Er wolle das musikalische Vermächtnis von "The Who" nicht "bis zum Sanktnimmerleinstag feiern", sagte er. Aber als Songschreiber habe er noch immer einen Job zu erledigen.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.petetownshend.com http://thewho.com
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