KF-Diözesanpräses Stefan Wissel referiert beim Industriegau zum Fundamentalismus - "Fromm und ...
Mit menschlicher Wärme gegen Radikalisierung

Kolping-Präses Stefan Wissel vom Diözesanverband Regensburg referierte umfassend zur Thematik "Fundamentalismus - fromm und gewaltbereit?" Bild: Schieder
"Fundamentalismus - fromm und gewaltbereit?": Zu dieser Thematik referierte Diözesanpräses Stefan Wissel bei der Versammlung des Kolpingbezirksverbands Industriegau, die auf reges Interesse stieß. Fundamentalismus sei ein Phänomen. Sowohl in der Bibel sei die Rede davon, und auch in der Kirchengeschichte tauche er auf, so der Referent. Jüdische und auch christliche Kirchen seien niedergebrannt worden.

"Die Kreuzzüge haut man uns immer noch um die Ohren", betonte Wissel, der an die 90er-Jahre anknüpfte bis hin zum Anschlag in Amerika. Der Referent erinnerte an die Hexenverbrennung, aber auch in den USA seien Menschen auf diese Weise umgebracht worden.

Breiten Raum nahm der islamistische Fundamentalismus ein. Der Sprecher stieg dabei tief in die Historie ein. Ende des 19. Jahrhunderts habe ein Großteil der arabisch-islamischen Welt einen religiösen Niedergang erleben müssen. Das Sultanat sei nicht mehr in der Lage gewesen, das islamische Reich zusammenzuhalten. Und auch wirtschaftlich sei das Reich von Europa finanziell abhängig geworden, beispielsweise beim Erdöl. Neue Probleme tauchten auf, in deren Folge ein Identitätsverlust der Muslime entstanden sei. Muslimische Denker hätten die Rückbesinnung auf ihre religiösen Werte und auf den Koran beschworen.

Gefahren für Demokratie

Der Erste und Zweite Weltkrieg hätten den Nahen und Mittleren Ostens verwüstet, berichtete der Referent weiter. Das Osmanische Reich sei 1918 zusammengebrochen. Auch das Sultanat und das Kalifat seien durch Atatürk abgeschafft worden. Im Iran sei unter Ayatollah Khomeini 1979 ein Staat mit einer Sonderform des islamischen Fundamentalismus entstanden, aufgrund einer schiitischen Lehre. Diese Bewegung habe auch die anderen islamistischen Bewegungen in vielen Ländern gestärkt.

Eine bedeutende Rolle in der Entwicklung des radikalen Fundamentalismus komme dem Sechs-Tage-Krieg der arabischen Staaten gegen Israel zu. Enttäuscht vom arabischen Nationalismus und Sozialismus suchte sei nach einer ideologischen Möglichkeit gesucht worden. Die Golf-Kriege verstärkten diese Problematik noch zusätzlich. In den Neunziger Jahren radikalisierten sich laut Referent verschiedene islamische Gruppierungen, darunter die Terror-Gruppe Al-Qaida. Zudem habe sich der Konflikt zwischen den Palästinensern und den Israelis verschärft. "Unsere Zeit wird radikalisiert", betonte Wissel, der einen Abschied von demokratischen Zielen ausmachte. Derzeit gebe es noch 42 Demokratien. Im Jahr 1991 seien es noch 76 gewesen. Gerade Demokratien seien anfällig für Fundamentalismus. Denn immer mehr Menschen zeigten sich enttäuscht von diesem System, seien der Meinung "das ist doch keine echte Demokratie mehr".

Keine Regeln mehr

Unter der Oberfläche gehe es um den Menschen. Fundamentalismus habe mit einer inneren Ebene des Menschen sowie einer größeren Ebene mit Politik und Nationalismus zu tun. Der Mensch sei sehr wohl aus Frömmigkeit heraus für Gewalt anfällig. Das Stanford-Prison-Experiment habe gezeigt, dass der Mensch, der Krieg und Gefangenschaft ausgesetzt sei, keine Regeln mehr kenne. Wenn Politik, Nationalismus und Ideologie verschlissen seien, werde die Religion bemüht, um Menschen gefügig zu machen. "Was nicht heißt, dass Menschen nicht fähig sind, sich zu wehren", so Wissel. Wenn der Mensch nicht von Wärme getragen werde, dann sei er anfälliger für Gewaltbereitschaft.

Nicht vergessen solle man, dass es auch bei Christen Fundamentalismus gebe. Der Sprecher nannte dabei beispielsweise das Abfackeln von Abtreibungskliniken. "Fromm und gewaltbereit passt nicht zusammen. Wenn die Vernunft dazukommt, kannst du nicht zur Gewalt neigen", zitierte Stefan Wissel den früheren Pontifex, Papst Benedikt XVI.

Die Gefahr vermindern

In Deutschland gebe es weniger Anschläge: "Weil wir eine Gesellschaft anbieten mit einer Freiheit, die zu schmecken ist". Syrische Flüchtlinge sagten, hier müsse man keine Angst haben, könne das Gedachte auch sagen. Zu achten sei auf Menschen, die keinen Glauben hätten. Diese sehnten sich nach Wärme, "auch der islamistische Fundamentalist", so Wissel. Das Gefühl, in der Familie aufgehoben zu sein, mindere die Gefahr des Fundamentalismus. Wichtig sei, auf die Menschen zu hören sowie das richtige Verständnis von Freiheit, Demokratie und Glaube zu praktizieren.
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