Kleine Kreuze für die IS-Opfer

ASB-Vorsitzender Roland Löb begrüßte die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge am Zugang zum Bergbaumuseum Maffeischächte in Nitzlbuch. Bilder: swt
 
Bei Hähnchenschnitzel mit Pommes und Gurkensalat sowie Melone als Nachtisch konnten sich die Jugendlichen entspannen und neue Freunde kennenlernen.

Ihre Augen strahlen, sie bedanken sich ausgiebig. Und doch: Ihre Gesichter wirken alt; zu alt für ihr noch junges Leben. Darin spiegelt sich das Entsetzen, das sie in ihrer Heimat und auf der Flucht erlebt haben.

Mehr als 30 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zwischen zehn und 18 Jahren leben seit Anfang August in Auerbach. Am Wochenende lud sie der Arbeiter-Samariterbund (ASB) in einer spontanen Aktion zu einem Willkommensfest auf dem Bergbaugelände Maffei ein. Vorsitzender Roland Löb begrüßte jeden einzeln mit Handschlag und einem roten Käppi.

Der Fahrdienst des ASB holte die Jungen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak in ihren Unterkünften in Michelfeld und Auerbach ab. 22 leben noch im Schwesternwohnheim hinter dem Krankenhaus; sieben sind bereits in die Wohngruppe in der Sandstraße eingezogen. Darunter die beiden jüngsten Flüchtlinge, nur zehn und elf Jahre alt.

Limo und Federmäppchen

Schüchtern lächeln sie, wenn man sie anspricht, freuen sich über die Limonade und die Federmäppchen, die es gibt. Betreuer Uwe vom Jugendhilfezentrum Schnaittach lebt mit den afghanischen und syrischen Jungen in der WG. Noch sprechen sie wenig Deutsch, verständigen sich mit Händen und Füßen. Auch ein Dometscher wird ab und an hinzu gezogen. Der Sozialarbeiter erzählt aus dem Alltag.

Zum Vorstellungsbesuch


Gemeinsam bereiten die Flüchtlinge ihre Mahlzeiten zu. Die Zutaten haben sie mit den Betreuern eingekauft. Gemeinsam wird geputzt und aufgeräumt. Kleine Briefe wurden vorbereitet, mit denen sich die Jungen zusammen mit den Betreuern bei den Nachbarn vorstellten. Zurück kommen Fragen wie "Schlafen die jetzt den ganzen Tag?", aber auch Willkommensgrüße - "alle Reaktionen waren vertreten", erzählt der Betreuer. Die meisten freuten sich zumindest über den Antrittsbesuch.

Derzeit versuchen die Jungen aus Syrien und Afghanistan, sich an das Klima in Deutschland zu gewöhnen. Sie sind traumatisiert, davon geht Betreuer Uwe aus. Bislang gab es aber weder Alpträume noch andere Äußerungen: "Die haben das Erlebte ganz tief innen vergraben."

In sogenannten Genogrammen versuchen die Betreuer, die Familienstrukturen der Flüchtlinge nachzuempfinden. Strichmännchen symbolisieren Mama, Papa oder Geschwister. Die Jugendlichen nennen Namen und zeichnen kleine Kreuze über einzelne Männchen. Das sind die Familienmitglieder, die von der IS umgebracht wurden.

"So begreifen wir langsam, welche Dramen sich da abgespielt haben müssen, damit Familien ihre verbliebenen Kinder mit nichts als zwei T-Shirts, zwei Unterhosen und Socken auf die lange Flucht schicken. Mehr haben sie nicht, wenn sie hier angekommen sind!" Ihr kostbarster Besitz ist das Handy; die einzige Möglichkeit, mit den Eltern daheim Kontakt aufzunehmen, die nach Monaten nicht wissen, wo ihre Kinder sind und ob es ihnen gut geht.

Dankbarkeit spürbar

Die Wohngruppe in der Sandstraße hat es gut getroffen. Jeder Jugendliche hat ein eigenes Zimmer. "Das ist Luxus", wissen die Betreuer. Jeden Tag spüren sie die Dankbarkeit der Jungen. Ab 15. September besuchen sieben junge Flüchtlinge die Mittelschule Auerbach. Geplant ist eine eigene kleine Klasse, in der sie zunächst nur Deutsch lernen. Zwei werden in der Berufschule in Sulzbach-Rosenberg unterrichtet. Benötigt werden dann vor allem Winterkleidung und Schulsachen.

Einen Beruf erlernen

"Wir haben auch unseren Nachbarn gesagt, wenn sie wollen, dürfen sie jederzeit kommen. Eine Tasse Kaffee gibt es immer", erklärt Betreuer Uwe. Aktiv um die Flüchtlinge kümmert sich auch die Auerbacherin Verdi Akdemir. Einigen hat sie Lehrstellen vermittelt. So dürfen sie bei den Firmen Neukam Heizungsbau, Schreinerei Raß und HD Bau einen Beruf erlernen.

In den nächsten Wochen erwarten die Helfer, darunter Ali Mahmud Hassan aus Sulzbach-Rosenberg, viele weitere Flüchtlinge. Der Palästinenser dolmetscht die Fragen der Reporter für die Jugendlichen. Und er übersetzt ihren Dank für die herzliche Aufnahme und das Willkommen in Auerbach.
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