Knisternde Feigheit

Vor langer Zeit, als der Mensch noch mehr galt als Computer und der Automat, als das Gewinnstreben noch nicht die Menschlichkeit verdrängt hatte, als die Tausend noch eine große Zahl war und die Million noch nicht die Rangordnung bei der Jet-set und die Milliarde noch nicht die Politik bestimmten ...

Seinerzeit also begab es sich, dass Matthias Petersen unverhofft zu einer Konzertkarte kam, durch einen Freund, der krankheitshalber verhindert war.

Der Kaufmann und Großhändler Matthias Petersen war ein Mensch, nicht schlechter und nicht besser als die meisten seines Standes. Er hielt in seinen Handel gute Ordnung, war freundlich oder ärgerlich, ganz wie es Ort und Laune von im forderten, auch seinem Nächsten hilfsbereit, wenn seine Würde es gestattete und sein Geldbeutel nicht allzu sehr darunter litt. Obgleich es der vertragen hätte, denn Frau und Kinder besaß Petersen nicht, und selbst die alte, schwerhörige Tante ersparte mehr, als sie ihn kostete.

Von seinem Vater hatte er vor Jahren das Geschäft ererbt, dazu auch den Verstand, den Handel auf der Höhe zu erhalten, der seinen Mann gut nährte. So hätte Petersen wohl allen Grund gehabt, sein Erdenlos zu preisen, zumal auch körperliche Leiden ihn kaum plagten. Allein, wie das so geht. Wer keine Sorgen hat, der macht sich welche, wer sich getrost ein wenig sorgen dürfte, der tut's meist nicht.

Die große Sorge des Matthias Petersen war sein Buchhalter mit Namen Vogel, den er zusammen mit dem Handel einst ererbt, und der im Dienst der Bücher mit den Jahren weiß geworden war. Der greise Vogel war schon lange in dem Alter, da er die Ruhe des erfüllten Daseins mit allem Recht hätte genießen dürfen. Doch es bedurften zwei verwaiste Enkelkinder noch seines Rats und seiner Unterstützung. Die karge Rente reichte da nicht aus, die leiblichen und seelischen Bedürfnisse der beiden zu befriedigen, so dass der alte Mann die Feder und die Bücher eben weiter führen musste. Wenn seine Arbeit nicht mehr so vonstatten ging wie früher, wenn er sich schwer tat mit dem neuen Steuerrecht und Kontenregeln, nun, er war ein starker Siebziger.

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Matthias Petersen sah das wohl ein, und er gestand sich auch, dass ihm der alte Vogel treu gedient die langen Jahre. Doch schließlich war ja sein Geschäft kein Altersheim! "Ein junger Mann muss her, es geht nicht länger so. Ich werd's dem alten Vogel sagen." Das hatte Petersen schon oft erwogen, und wie's den Menschen geht, wenn sie was wollen, und halb im Recht und halb im Unrecht sind: Sein Seelenfrieden war dahin. Noch nachts im Traume plagte ihn das Wort: Es geht nicht länger so! Einmal schon hatte er den Plan dem Alten angedeutet, doch dessen Blick nicht widerstehen können: "Die Kinder, Herr Petersen, die Kinder! Ich tu's ja nur für sie!"

Da hatte Petersen gerechnet und gegrübelt, und dort in seinem Innersten, wo's am hellsten war, da hatte eine Stimme ihm gesagt: Leicht könnte das Geschäft den Alten und den Jungen tragen! Jedoch der Lärm des Alltags hatte diese Stimme übertönt, und der Beschluss stand fest, den alten Vogel zu entlassen. In aller Stille war ein neuer Mann geworben worden, dem Vogel hatte Petersen geschrieben, aus Feigheit - so ehrlich war er schon gegen sich selbst - um dem Alten zu entgehen.

So kam es, dass dieser Brief in seiner Tasche knisterte und mahnte, als Petersen auf seinem Sessel im Konzertsaal saß, Beethovens neunte Sinfonie zu hören. Samt Zins und Zinseszins wollte er im Kopf die Summe überschlagen, die der Alte kosten würde, wenn er ihn behielt: Da klang der erste Satz des Werkes auf, und die Gewalt der Töne schlug ihn ganz in ihren Bann.

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Schwirrende Quinten

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Die leeren Quinten schwirrten durch den Raum, Gespenstervögeln gleich, die einen Weg aus diesem Chaos suchen und nicht finden können.

Im Scherzo fand er sich wieder, wie auch er Zufriedenheit und Heiterkeit nur vortäuschte, sich selbst betrügend, wie auch er sich sehnte nach der erlösenden Entspannung im Adagio. Als dann der letzte Satz erklang, zunächst sich des Gewesenen gleichsam erinnernd, mit leeren Quinten und dem Gaukeltanz des Scherzos, als dann das Freudenthema auferstand, erst zaghaft von den Bässen vorgetragen, von Geigen und von Bläsern übernommen, und als der Freudenchor im Sieg des Guten über alles Böse triumphierte, einmalig vom Genie gestaltet, als diese Töne Hammerschlägen gleich ans Herz ihm pochten: Da hatte Petersen den Kampf bestanden. "Mensch sein", so jubilierte er, "Mensch sein, das ist das Höchste für uns Irdische!" (lir)
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