Komisches Gefühl

Einsatzkräften bietet sich bei Unfällen oft ein Bild der Verwüstung. Der evangelische Pfarrer Peter Peischl ist dann nicht nur als Feuerwehrmann, sondern gleich auch als Notfallseelsorger vor Ort. Bild: Dobmayer

Peter Peischl ist evangelischer Pfarrer in Vohenstrauß. Aber auch als Feuerwehrmann hat er schon so manches Schäflein gerettet. Außerdem kümmert er sich als Notfallseelsorger unter anderem um Angehörige von Unfallopfern. Und wenn die Helfer selbst Hilfe brauchen, ist er ebenfalls zur Stelle.

Die Atemschutzträger der Feuerwehr Vohenstrauß schnauften in ihrer rund 20 Kilogramm schweren Ausrüstung die Treppen des Altersheims hinauf. Wegen starker Rauchentwicklung im dritten Stock im Flur galt es, vier Personen zu retten, darunter einen Mann per Drehleiter. Unter den Helfern war auch der evangelische Pfarrer Peter Peischl, der seit Oktober 1994 auch Notfallseelsorger ist.

Gottseidank handelte es sich in diesem Fall nur um eine Übung, die die 22 Feuerwehrleute zügig und routiniert absolvierten. Jeder Handgriff klappte wie am Schnürchen. Das muss er auch im Ernstfall, den die Einsatzkräfte nur knapp zwei Stunden vorher bei einem Unfall auf der Autobahn A 6 erlebt haben, bei dem es aber keine Verletzten gab. So glimpflich läuft es jedoch nicht immer ab. Bei tödlichen Crashs kommt dann der Notfallseelsorger ins Spiel, um die Angehörigen zu begleiten.

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Aber auch die Rettungskräfte brauchen manchmal Unterstützung, um die Eindrücke verarbeiten zu können. "Man muss es hinter sich lassen. Wenn ich nachts davon träume, sollte ich aufhören bei der Feuerwehr. Man darf sich vor allem selber keine Schuld geben, man hat ja sein Bestes gegeben. Schlimm ist es aber, wenn Kinder dabei sind", sagt ein junger Vohenstraußer. Zu schweren Unfällen zu kommen, "ist schon ein komisches Gefühl", meint ein Kollege. "An der Unfallstelle muss ich mich damit abfinden und meine Arbeit machen. Wenn ich es danach gut verarbeite, ist es ok."

Peischl kannte solche Situationen schon, als er in den 1990er Jahren noch in Schwarzenbach an der Saale tätig war. "Damals kam die Anfrage aus dem Dekanat, ob wir zusammen mit Hof und Naila eine Notfallseelsorge in Münchberg aufbauen können", erinnert er sich. "Ich habe dann schnell gemerkt, dass es Sinn macht, die Hilfsorganisationen auch von innen zu kennen." Seit 2004 ist der gebürtige Münchner Pfarrer in Vohenstrauß und rückt regelmäßig mit der Feuerwehr aus. "Da bin ich stinknormale Mannschaft."

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Eine Herausforderung

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Manchmal ist der Dekanatsbeauftragte für Notfallseelsorge das aber nicht. In den 20 Jahren hat Peischl genügend Erfahrung gesammelt. "Es gibt Fälle, bei denen das Meldebild eindeutig ist. Oft weiß man es aber nicht so genau und kommt dann an einen Einsatzort, wo es einen oder mehrere Tote gibt. Dann geht es nicht nur um salbungsvolle Worte. Notfallseelsorge ist eine Herausforderung. Wir kommen immer in Situationen, die wir alleine nicht bewältigen. Dann ist es gut, dass jemand das Geschehen sortiert. Wenn die Leute es wollen, dann wissen sie, dass jemand für sie da ist. Ich sehe mich als ,Geländer', an dem sich Angehörige festhalten können. Für sie ist ja eine Welt zusammengebrochen. Aufgabe der Leute von außen ist: keine überflüssigen Kommentare abgeben, sondern den Betroffenen erst einmal die Chance geben, das Geschehene zu begreifen."

Peischls Einsatzgebiet umfasst den Landkreis Neustadt/WN und die Stadt Weiden. Auf evangelischer Seite sind drei und auf katholischer fünf Personen für die Notfallseelsorge zuständig, primär für Betroffene. "Wir können entweder die Angehörigen oder die Helfer begleiten, beides geht nicht, da bräuchten wir mehr Personal." Und wie geht der Vohenstraußer selbst mit solch einer Belastung um? "Ich habe auch Leute, die ich anrufen kann, um die Situation zu verarbeiten."

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Einsätze nicht planbar

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In den vergangenen 20 Jahren hat die Forschung in Sachen Stressbewältigung und Verarbeitung von Traumata sehr große Fortschritte gemacht. Aber auf eine Frage wie: "Warum musste das passieren?" weiß auch Peischl keine Antwort. "Und selbst wenn ich eine hätte, macht das einen Toten auch nicht mehr lebendig." Zum Zeitaufwand sagt der 55-jährige Pfarrer und Feuerwehrmann schließlich: "Einsätze sind nicht planbar. Falls es nur noch Routine wird, dann wird es Zeit, die Notfallseelsorge aufzulösen. Das funktioniert ja letztlich nur, wenn ich noch einigermaßen in Schuss bin."

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/meinvereinundich
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