Kommen und Gehen

Und endlich hatte Pastor Wennervik in seinen späten Tagen doch noch seine alte Haushälterin Raklitz geheiratet. Aber er hätte beizeiten daran denken sollen, sein liebes junges Töchterchen vor der Stiefmutter zu schützen. Denn die neue Frau bürdete nun dem armen Kind die ganze Arbeit auf und scheuchte es herum, wie es ihr gerade passte. Und um den großen Gänserich gab es beinahe Tränen.

An einem schönen Apriltag nämlich hatte man die ganze Gänseherde auf den Hügel beim Hof hinauf fliegen lassen. Zur selben Zeit waren Wildgänse durch die Luft heran geflogen gekommen und hatten nach ihrer Art gerufen und geschrieen. Die zahmen Gänse hatten geantwortet und mit den Flügeln geschlagen, wie sie es in jedem Frühjahr taten, und niemand hatte je gedacht, man müsse sie einsperren.

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Eine Wildgansherde folgte der anderen, und die zahmen Gänse wurden immer aufgeregter. Und ehe man's sich versah, flog ein großer Gänserich hinauf in die Luft und vereinigte sich mit den Wildgänsen.

Auf Marbacka dachte man nicht anders, als dass er nach einer kleinen Weile schon wieder zurückkehren werde. Aber da wartete man vergebens. Er kam nie wieder. Er war und blieb weg. Man dachte nun, er sei recht bald ein Opfer der Füchse oder Adler geworden oder sei von hoch oben mit zersprengter Lunge abgestürzt. Denn es war ja undenkbar, dass eine zahme Gans mit den wilden Gänsen hinauf zum hohen Norden fliegen könne.

Den ganzen Sommer hörte man nichts mehr von ihm. Aber dann wurde es wieder Herbst und eine Schar Wildgänse nach der anderen kam dahergeflogen. Sie schrieen, wie es bei ihnen Brauch war und auf den Hügeln beim Hof schlugen sie mit den Flügeln und gaben Antwort. Frau Raklitz sah, wie die Gänse unruhig wurden, und wollte nun gescheiter sein als das letzte Mal. Sie befahl ihrer Stieftochter Lisa Maja, hinzulaufen und die Gänse einzusperren.

Lisa Maja tat, was ihr aufgetragen war. Aber sie war noch nicht an dem Hügel angelangt, als sie ein starkes Sausen in der Luft gerade über sich hörte. Und ehe sie sich noch besinnen konnte, ließ sich eine große Schar Gänse gerade vor ihr auf dem Boden nieder.

Ein stattlicher weißer Gänserich ging an der Spitze der Schar, ihm folgte eine große graue Wildgans mit neun gesprenkelten Jungen. Die Pfarrerstochter wagte nicht, sich zu rühren, aus Furcht, sie zu verscheuchen. Sie öffnete nur ganz sachte das Hoftor und verbarg sich dahinter. Der Gänserich marschierte geradewegs in den Hof hinein, und die ganze Familie folgte ihm.

Sie verschwanden alle, und Lisa Maja schlich hinterher, um zu sehen, was da vor sich ging. Und siehe, der weiße Gänserich schritt unentwegt zum Gänsestall und rief und lockte, bis sein ganzes Gefolge mit ihm hineinging. Dann zeigte er ihnen den Weg zum Futtertrog, der mit Hafer und Wasser versehen war, und begann zu fressen.

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Ans Messer geliefert

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"Seht an, an so etwas bin ich gewöhnt. So habe ich es mein Lebtag gehabt, niemals irgendwelche Sorgen ums Essen", schien er zu sagen. Aber Lisa Maja Wennervik schlich hinzu, und kaum waren sie alle im Gänsestall, machte sie die Tür zu. Dann lief sie zu der Stiefmutter.

"Liebe Mutter", rief sie, "komm und sieh. Der Gänserich, der im Frühjahr fort flog, ist wiedergekommen mit einer Wildgans und neun Jungen." Aber sie bereute es ihr ganzes Leben lang, dass sie den Gänserich eingesperrt und seine Rückkehr verraten hatte. Denn die Stiefmutter suchte wortlos nach einem kleinen Messer, das sie zum Gänseschlachten benutzte, und ehe noch der Abend kam, waren der mächtige weiße Gänserich, die graue Wildgans und all die niedlichen kleinen Gänse tot und gerupft.

"Du hast es dem Gänserich schlecht gelohnt, dass er mit Frau und Kindern zu uns zurückgekehrt ist", sagte Lisa Maja. Mehr wagte sie nicht zu sagen. "So wird es allen Gänsen hier auf dem Hof gehen, wenn sie sich gegen meinen Willen auflehnen", versetzte Frau Raklitz mit einem bösen Lächeln um den schmalen Mund. (lir)
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