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Dieses Fahrrad steht wohl schon eine ganze Zeit lang an einer einsamen Straße im Südwesten Islands.

Der Tourismus überrollt Island, die Zuwachsraten sind zweistellig. Geysire, Wasserfälle, Nationalparks locken immer mehr Touristen auf die nordeuropäische Insel. Doch wirklich spannend sind die Orte der völligen Einsamkeit, abseits der großen Routen.

Sylvia Agusttsdotir (65) lehnt am Fenster ihrer Imbissbude. Nicht gerade viel los heute. Wie eigentlich meistens. Das kleine Geschäft liegt abseits der großen Touristenrouten in Islands Südwestküste. Dabei sind es zur Blauen Lagune (Bláa Lónið) - dem Hotspot auf der nordeuropäischen Insel - gerade mal zehn Kilometer. Ein bizarrer Kontrast zwischen Massenauflauf und Einsamkeit, zwischen Kommerz und Kargheit.

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Sylvia ist vor 55 Jahren mit ihren Eltern von Travemünde nach Island ausgewandert. Neben ihrer kleinen Holzhütte, in der sie Kaffee, Süßigkeiten, warme Würstchen und selbst gestrickte Pullover (für 150 Euro) verkauft, betreibt sie noch einen Flohmarkt. Gläser. Bücher, CDs, Kleidung, der übliche Nippes. "Es passt schon alles", sie fühle sich wohl hier in Island. Ab und zu geht es noch zurück in die alte Heimat. Die geschäftstüchtige Deutsche macht noch ein wenig Werbung für den Campingplatz Pylsuvagn og fritt Tjaldstaedi um die Ecke. Der kostet nix, Spenden sind aber erwünscht. Nur zwei Campingwagen stehen derzeit dort - mitten in der Hochsaison.

Die zwei Gesichter Islands. Hier der verwaiste Campingplatz mit dem morbiden Charme, einen großen Bogen weiter die edle Welt der Blauen Lagune. Bis zum Jahr 2017 wird neben dem weltbekannten Thermalfreibad ein neues Luxusressort gebaut. Die günstigste Tageskarte gibt es für 35 Euro - Leihhandtuch inklusive. Für 50 Euro erhält man dazu noch ein Freigetränk an der Thermalbar. Die meisten Gäste lassen sich ein Bier einschenken und genießen es im warmen Wasser. Vor allem viele Amerikaner sind hier, die einen kurzen Umsteige-Zwischenstopp am Flughafen Keflavik zu einem Bad nutzen.

Mehr als 100 000 Besucher zählt die Blaue Lagune jährlich. Das Wasser hat eine Temperatur von etwa 37 bis 42 Grad und enthält Mineralsalze, Kieselerde und Algen. Der See hat eine Fläche von etwa 5000 Quadratmetern. Kieselsäure erzeugt die markante blaue Farbe, bei Sonnenschein ein sagenhaftes Farbspiel. Dampfbäder, Massageräume, eine Lavahöhle und eine Sauna gehören zur Ausstattung. Sehr entspannend ist das Auftragen einer Maske aus Kieselerde bei den zwei "Schlamm-Stationen".

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Chillen in den Thermen

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Der Besuch der Blauen Lauge gehört zum touristischen Pflichtprogramm. Für kleinere Geldbeutel und größeres Island-Feeling gibt es aber in nahezu jeder größeren Ortschaft ein Thermalbad. Die Einheimischen lieben ihre heißen Quellen auf der Vulkaninsel. Öffentliches Baden ist eine Leidenschaft - wenn auch manchmal in einer größeren Wanne. Im nördlichsten und kältesten Land Europas ist ein wenig Chillen in den warmen Thermen der größte Freizeitspaß.

Mit dem Mietauto ist Island wunderbar zu erkunden. Es muss kein großer SUV sein, außer man fährt auf Schotterpisten in Richtung Landesinnere. Auf der Autobahn A1 lässt es sich wunderbar um die Insel cruisen, Tempo 90 ist die zulässige Höchstgeschwindigkeit. Völlig ausreichend. Die Inselbewohner mögen es ohnehin eher gemütlich. Auch in der 120 000-Einwohner-Hauptstadt Reykjavik geht es nicht gerade hektisch zu. In der Einkaufsmeile Laugavegur in der Innenstadt fehlen die großen Filialisten, die Läden sind eher Boutiquen. Die Fußgängerzone lässt sich vom Busbahnhof aus mit einem Spaziergang zum Hafen durchqueren. Hier steht das Veranstaltungszentrum Harpa, ein riesiger Glaspalast. Größere Malls befinden sich am Stadtrand - aber alles eine Nummer kleiner als in deutschen Großstädten. Zum Shoppen fährt ohnehin kaum ein Tourist auf die Insel. Die karge und graue Landschaft ist etwas für Puristen und Melancholiker, die raue Witterung ungeeignet für Sommerspaßler. Warme und regenfeste Kleidung sowie festes Schuhwerk sind auf jeden Fall zu jeder Jahreszeit notwendig.

Die interessantesten touristischen Ziele können für Speed-Urlauber schon an einem Tag besichtigt werden. Der "Golden Circle" führt zu den Geysiren, Gletschern, zum Nationalpark Þingvellir und zum Wasserfall Gullfoss. Zahlreiche Busse steuern die Hotspots (ab 69 Euro) an, aber auch auf eigene Faust sind sie bequem zu erreichen. Die Rundreise im Überblick:

Geysir Strokkur: Dank eines großes Besucherzentrums und Menschenmassen mit Kameras nicht zu verfehlen. Die Wasserfontäne schießt alle zehn Minuten aus dem blubbernden Erdloch bis zu 20 Meter in die Höhe. Der an vielen Stellen dampfende Boden verrät die vulkanische Aktivität der Region.

Gullfoss: Der "goldene Wasserfall" liegt nur zehn Kilometer vom Geysir entfernt. Ein absoluter Pflichtbesuch! Über zwei gewaltige, Kaskaden stürzt das Wasser des Gletscherflusses Hvítá in eine 2,5 Kilometer lange und 70 Meter tiefe Schlucht. Treppen führen die Touristen ganz nahe zu dem spektakulären Schauspiel.

Nationalpark Þingvellir: Hier wurde bereits ab 930 einmal jährlich im Juni die gesetzgebende Nationalversammlung abgehalten. Zum 1000-jährigen Jubiläum wurde Þingvellir zum Nationalpark erklärt. Ein Spaziergang durch die atemberaubende Landschaft lohnt unbedingt, vor allem wegen des Wasserfalls Öxararfoss.
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