Lärm lässt Bürger nicht kalt

Dass sie nichts mit Wutbürgern oder einer Bürgerinitiative gemein haben, machte der Referent gleich zu Beginn klar. Das Forum Bahnlärm will innovativen Lärmschutz. Wie das funktionieren könnte, erklärte Thomas Kraus.

Oberwildenau. (bgm) "Von mündigen Bürgern kann man erwarten, dass sie sich frühzeitig informieren und nicht erst dann aktiv werden, wenn die wichtigsten Entscheidungen gefallen sind." Das hat Bahnchef Rüdiger Grube gegenüber der Welt am Sonntag in einem Interview gesagt. Bereits aktiv ist das "Forum Bahnlärm Naabtal 21".

Auf Einladung von Siedlergemeinschaft und CSU referierte Thomas Kraus bei einer Informationsveranstaltung im Naabtalhaus vor über 90 Zuhörern. Der starke Zuspruch überraschte den Referenten. Das Forum sei ein überparteiliches Netzwerk von Kommunen, Anwohnern und Verbänden. "Wir sind nicht gegen die Elektrifizierung, aber gegen einen Hochleistungsgüterkorridor ohne Lärmschutzmaßnahmen", betonte der Vertreter des Forums.

Gute Wirtschaftlichkeit

2009 sei der Güterzugkorridor Ost erstmals im Wachstumsprogramm der DB Netz AG, dem Betreiber des Schienennetzes, aufgetaucht als eine Ergänzung zum völlig überlasteten Westkorridor im Rheingraben. 2011 folgte durch die Aufnahme in das europäische Güterverkehrsnetz die Förderfähigkeit durch EU-Mittel. Für die Strecke sprächen eine bisher "exorbitant geringe Taktung" und die Verbindung von norddeutschen Güterverkehrszentren mit Regensburg, München bis hin zu einem Zulauf zum Brenner-Basistunnel mit Anschluss an Süd-Ost-Europa. Manko: Die Strecke zwischen Hof und Regensburg ist nicht elektrifiziert.

Der komplette Hochleistungsgüterkorridor sei mit verhältnismäßig niedrigen Investitionskosten von 413 Millionen Euro realisierbar. Das bedeute für die Investoren eine außergewöhnlich gute Wirtschaftlichkeit. Lärmschutzmaßnahmen seien nur mit Pauschalbetrag berücksichtigt. Für den Erschütterungsschutz seien gar keine Mittel eingeplant.

Der Ausbau der Strecke hätte eine Verzwölffachung der Güterzüge zur Folge. Statt bisher sechs oder sieben Zügen würden 80 am Tag durch das Naabtal fahren, und die Taktung könnte noch ausgebaut werden. Eine Änderung des Personennah- und Fernverkehrs gehe damit nicht einher. Die Güterzüge wären vor allem dann unterwegs, wenn der Personenverkehr ruht, also zwischen 24 und 5 Uhr.

Freiwillige Maßnahmen

Güterzüge seien um ein Vielfaches lauter, bis zu 15 Mal länger und deutlich schwerer als Personenzüge. Die Folge: deutlich höhere und länger andauernde Lärmbelästigung sowie stärkere Erschütterungen, die bis zu 100 Meter neben den Schienen spürbar sind. Versuche der Bahn mit "Leiselaufsohlen", also neuer Technik, hätten eine Verringerung des Lärms ergeben, von zum Beispiel 95 Dezibel auf 85 Dezibel. "Aber auch da können Sie nachts nicht schlafen", sagte Kraus.

Mit dem Hochleistungsgüterkorridor würden Kommunen in ihren Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkt, die Attraktivität der Wohngebiete geschwächt, und die Immobilien könnten bis zu 50 Prozent an Wert verlieren. Für die Menschen drohten Gesundheitsschäden. Ein weiteres Problem sei, dass neben der Deutschen Bahn über 400 Eisenbahnverkehrsunternehmen in Deutschland zugelassen seien. "Viele Verursacher, viele Verantwortliche, keine Lösung", umriss Kraus.

Die Rechtsgrundlagen in Deutschland sähen für Bestandsstrecken nur dann einen Anspruch auf Lärmschutzmaßnahmen vor, wenn entweder neue Gleise hinzugebaut oder erhebliche bauliche Eingriffe vorgenommen werden. Beide Voraussetzungen würden im Naabtal nicht zutreffen. Lärmschutzmaßnahmen seien damit nur freiwillig und mit langen Wartezeiten verbunden. Ziel aller Bemühungen müsse daher die rechtsverbindliche Zusage für Lärmschutzmaßnahmen sein (siehe Hintergrund) .
Weitere Beiträge zu den Themen: Juni 2015 (7771)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.