Lehrer, bitte zum Update

Mal wieder Praktikant - für die Lehrer der Staatlichen Wirtschaftsschule in Eschenbach eine ungewohnte Situation. Schulleiter Thomas Reitmeier (von links) bespricht sich mit Beratungslehrer Jürgen Koller und Margareta Reim, Fachbetreuerin für Wirtschaft. Bild: hfz

Seit einem Monat ruft der Gong Wirtschaftsschüler und Lehrer wieder zum Unterricht. Die sechs Wochen davor setzten sie keinen Fuß über die Schwelle. Einige Lehrer hatten aber nicht die ganze Zeit frei: Sie machten ein Praktikum - für sich, die Schüler und den Unterricht. Und die nächsten "Ferien" warten schon.

Seit Jahren arbeitet Jürgen Koller als Lehrer an der Staatlichen Wirtschaftsschule. Die Zeit der Bewerbungen für einen Job und der Praktika ist für ihn eigentlich lange vorbei, doch das Bayerische Kultusministerium versetzt Wirtschaftsschul-Lehrer mit einer neuen Verordnung in alte Zeiten zurück: Ein unbezahltes, achttägiges Praktikum in einem Unternehmen ihrer Wahl - Voraussetzung, um sich für eine Funktionsstelle zu bewerben oder für eine Beförderung.

Abläufe kennenlernen

Koller hat sein Praktikum schon hinter sich gebracht. In den Sommerferien schnupperte er bei zwei Unternehmen: Webprojaggt in Pressath und Hajo-Strick in Weiden. "Im Fach Übungsunternehmen simulieren wir einen Handelsbetrieb. Wir machen das gleiche wie ein Betrieb - mit einem Unterschied: kein echtes Geld und keine echte Ware", erklärt er. "Da ging es mir drum, zu sehen, wie wir das machen und mit dem abzugleichen, wie es im Unternehmen gemacht wird." Das Fach gibt es laut Koller seit rund 30 Jahren - bislang unter dem Namen "Übungsfirmenarbeit". Ab dem nächsten Schuljahr soll es "Übungsunternehmen" heißen und zum Prüfungsfach werden. Nicht nur deshalb sei für ihn ein Update bei Firmen wichtig gewesen.

In der Zeit als Praktikant habe er sich den gesamten Betrieb von Hajo-Strick anschauen und alle Abläufe kennenlernen dürfen - vom Eingang einer Bestellung bis hin zum Verpacken und dem Versand. "Am meisten beeindruckt hat mich, dass wir mit unserer Übungsfirma ganz gut aufgestellt sind. Das war für mich eine wichtige Erkenntnis", sagt er. "Was wir machen, hat schon Bezug zu den richtigen Unternehmen."

Bei seinem zweiten Praktikum in Pressath tastete sich Koller weiter in kreative Gefilde vor. "Ich wollte mein Repertoire erweitern. Ich bin zwar kein Kreativkopf, aber kann den Schülern jetzt ein bisschen was erzählen." Nicht nur für das Entwerfen von Plakaten und Flyern in der Schule sei das hilfreich. Koller ist auch Beratungslehrer. "Einige Schüler kommen und sagen, sie wollen etwas Kreatives machen. Nach dem Praktikum kann ich ihnen nun besser weiterhelfen." Trotzdem möchte Koller so ein Praktikum nicht in jeden Ferien machen müssen. "Es ist schon anstrengend, aber in einem gewissen Rahmen ist es okay."

Dass vom Ministerium seit dem 1. Mai ein Praktikum für die Lehrer von Wirtschaftsschulen angeboten wird, sieht Thomas Reitmeier, Schulleiter der Wirtschaftsschulen in Eschenbach und Weiden, positiv. "Es zeigt, was in der Wirtschaft los ist", berichtet der gelernte Industriekaufmann. Reitmeier selbst konnte von seiner Ausbildung im Unterricht lange zehren. Ähnliches verspricht er sich von den Praktika. "Auch Lehrer, die keine wirtschaftlichen Fächer unterrichten, können sich über dieses Praktikum einen Überblick verschaffen."

Die investierten Stunden könnten zum Teil als Fortbildung anerkannt oder ausgeglichen werden. Reitmeier beschreibt die Verordnung des Ministeriums als Win-win-Situation: "Das kommt irgendwann zurück, wenn sie dann wieder mehr Auszubildende von den Schulen bekommen." Auf der anderen Seite profitieren für ihn der Unterricht und die Schüler von den Praktika der Lehrer. "Das Hauptthema sind oft betriebliche Prozesse und dann macht die Lehrkraft die theoretischen Prozesse mit einem Beispiel anschaulich, damit es auch Kinder verstehen, die sich bei solchen Themen schwer tun." Der Lehrer könne seine Erlebnisse beim Praktikum im Unterricht einfließen lassen.

Praktikum für Schulleiter

Selbst hat der Schulleiter noch kein Betriebspraktikum absolviert. "Was mich interessieren würde, ist die Personalführung - also Personalauswahl, Personalmanagement." Das will er am liebsten bei einem größeren Mittelständler in der Region machen. "Es wäre gut, wenn es in der Region wäre, weil man ja auch irgendwann mal heim will", lacht er. Zeit dafür habe er aber noch nicht gefunden. Bislang haben noch nicht alle seiner rund 80 Lehrkräfte von den Wirtschaftsschulen Eschenbach und Weiden ein Praktikum gemacht. Allerdings ist dafür auch noch ein wenig Zeit, denn erst ab 1. August 2016 wird laut Ministerium ein solcher Nachweis für eine Beförderung oder eine Bewerbung um eine Funktionsstelle vorausgesetzt. "Erst dann tritt die Verordnung verbindlich in Kraft", informiert Pressesprecherin Julia Graf. Das Ministerium habe zwischen 1. Mai 2015 und 1. August 2016 eine Übergangsfrist eingeräumt, um den Lehrern genug Zeit für eine Bewerbung und die Organisation des Praktikums zu geben.

Das Staatsministerium ist davon überzeugt, dass Lehrer durch ein solches Praktikum besser in der Lage sind, authentisch über Anforderungen in kaufmännischen Betrieben zu berichten und ihre Schüler praxisnah auf eine Berufsausbildung vorzubereiten. "Darüber hinaus können Lehrkräfte Kontakte zwischen ihrer Schule und Betrieben knüpfen und so beispielsweise Praktika und Ausbildungsplätze für ihre Schüler anbahnen", berichtet Graf.

Durch die digitale Revolution und Globalisierung seien viele Berufsbilder im Wandel. "Das qualitativ hochwertige Bildungsangebot kann nur aufrechterhalten werden, wenn sich die Unterrichtsinhalte stets an die sich wandelnden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen anpassen." Dafür seien regelmäßige Betriebspraktika unablässig.
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