Letzter Zeuge einer Biertradition

Die Öffnung des alten Bierlagerkellers zog am Sonntag zahlreiche Besucher an. Peter Schertl empfing sie mit virtuosen Klängen auf dem Schifferklavier, und Walter Schraml (rechts) machte sie anhand von historischen Fotos mit der Geschichte des Neukirchener Brauwesens vertraut. Bild: G. Zagel

Nach sieben Jahrzehnten erwachte der Lager- und Gärkeller der ehemaligen Neukirchener Brauerei am Tag des offenen Denkmals aus dem Dornröschenschlaf.

Vor mehr als 200 Jahren schufen tüchtige Bauleute den rund 50 Meter langen Stollen im Totenbergl, unweit der Schönlinder Straße. Vermutlich arbeiteten sie unter der Regie von Johann Michael Himbsel aus dem berühmten Neukirchener Baumeistergeschlecht.

Es handelt sich nicht um einen Felsenkeller, sondern um einen im Übertageverfahren bergwärts vorgetriebenen Tunnel mit einem stabilen Tonnengewölbe aus Dolomit- und Ziegelsteinen. Gewachsener Fels bildet den natürlichen Abschluss des Kellerkomplexes. An ihrem Ende erreicht die Gewölbeüberdeckung beachtliche zehn Meter.

Die Belüftung durch einen massiv gemauerten Schacht sorgte für ein gutes Raumklima in der unterirdischen Anlage. "Damit konnte das bei der Gärung des Bieres entstehende Kohlendioxid entweichen und Schimmelbildung verhindert werden", schilderte Heimatpfleger Walter Schraml den Besuchern.

Bei einem geschichtlichen Exkurs führte er die Wurzeln des örtlichen Brauwesens auf die Burg Rupprechtstein zurück. Seit dem 16. Jahrhundert befand sich dort eine Brauerei, die 1808/09 nach Neukirchen in die Schönlinder Straße verlegt wurde. Kurz darauf kam das Ende der Hofmark Rupprechtstein-Neukirchen, und die Brauerei ging aus der Gutsherrschaft derer von Oelhafen in private Hände über.

In der Folgezeit blieb das Neukirchener Brauwesen bis ins 20. Jahrhundert mit der Familie Sommer-Engelhard verbunden. Sie führte Braustätte und Gastwirtschaft Zum Roten Ochsen (heute John Engelhard) ab 1867 sogar in Personalunion.

Inflationsbedingt kam 1923 unter dem Bräu Fritz Engelhard das vorläufige Ende der Bierherstellung. Mit dem Pächter Georg Behringer erlebte die Brautradition ab 1928 eine Renaissance. Aber das Kriegsjahr 1941 ließ die Quelle des weithin bekannten Neukirchener Gerstensafts endgültig versiegen.

Das mächtige Brauhaus wich 1968 einem Kfz-Betrieb. Neben einigen von Sammlern begehrten Bierkrügen erinnert lediglich der Bräukeller an die mehr als 130 Jahre währende Bierherstellung in Neukirchen.
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