Literarisches Railmovie der Extraklasse

Beinahe hätte Franz Dobler vergessen, aus seinem eigenen Roman zu lesen: Dem Publikum im Literaturhaus wäre ein grandioses atmosphärisches Erlebnis entgangen

Sulzbach-Rosenberg.Fast wäre am Mittwochabend im Literaturhaus Oberpfalz eine Welt-Premiere zu beklagen gewesen: Dass nämlich ein Autor mit Neuveröffentlichung im Gepäck hier bei einer Lesung zu Gast ist - sich aber ausschließlich auf die Präsentation fremder Früchte beschränkt. Franz Dobler, so der Name dieses Aspiranten fürs Guinness-Buch, hatte sich's nämlich schon ziemlich gemütlich gemacht beim Vortrag bislang unveröffentlichter Charles-Bukowski-Texte.

Wunderbare Ausstellung

So begegnete er der Mahnung von Moderator und Gastgeber Michael Hehl, doch nun endlich in der Schlussrunde nicht nur demjenigen zu huldigen, dem das Literaturarchiv im Augenblick die wunderbare Ausstellung "All about Hank" widmet, sondern auch seinen eigenen Roman "Ein Bulle im Zug" (Tropen-Verlag) vorzustellen, mit ebenso toughen wie Bukowski-haften Worten: "Eigentlich habe ich gar keine Lust, meinen eigenen Scheiß zu lesen!"

Ob's nur Koketterie war? Oder doch: Ehrlicher Ausdruck des Respekts für einen, dessen Romanwerk Franz Dobler (Jahrgang 1959 und vor allem berühmt wegen seiner formidablen Johnny-Cash-Biografie) bewundert und dem er konzediert, dass alles von ihm "per se 'ne Spannung hat" und der "neben Herbert Achternbusch und Oskar Maria Graf zu meinen absoluten Favoriten zählt"? Egal. Das Publikum jedenfalls wäre aufgrund der fortgesetzten Bewunderungsattitüde des einen Autors für den anderen nicht nur um den Einblick in den desolaten Seelenzustand des Polizisten Fallner betrogen worden, sondern auch um so ein wunderbares Satzmonument wie folgendes - das nicht nur das Programm des 344-Seiten starken Romans wie in einer Nussschale präsentiert, sondern sich obendrein sprachlich von Bukowskis kurzen Parataxen aufs Wohltuendste unterscheidet:

"Vor dreiundvierzig Jahren war Fallner auf die Welt gekommen, vor zweiundzwanzig Jahren in die Stadt, vor acht Jahren zum ersten Mal in Jaqueline, vor drei Monaten hatte er bei einem Einsatz den achtzehnjährigen libanesischen Gangster Maarouf in der Wohnung seiner Eltern erschossen, und es musste geklärt werden, ob er in Notwehr gehandelt oder eine fahrlässige Tötung begangen hatte, vor einem Monat hatte er sich eine 2. Klasse-Bahncard100 für viertausendneunzig Euro gekauft, und seitdem stand er fast jeden Tag am Balkon über den Gleisen des Münchner Hauptbahnhofs oder kurvte irgendwo dort unten herum mit Rollkoffer und Umhängetasche und dem festen Vorsatz, sich irgendeinen Zug von der Anzeigetafel zu picken und loszufahren."

Atmosphärisch dicht

Dass das nicht nur atmosphärisch dicht ist, sondern auch die Hinführung zu einem kriminalistischen Railmovie der Extraklasse, war nicht nur umgehend den Besuchern im Literaturhaus klar. Auch die Juroren der "KrimiZEIT"-Bestenliste sehen das offenbar so. Weshalb Franz Doblers Roman über einen, der einen anderen erschoss und der zudem die Musik des Jazz-Trompeters Lee Morgan liebt (der wiederum dem Revolver der eigenen Gattin zum Opfer fiel), als Neuzugang im Monat Oktober auf Platz 3 rangiert. Das ist zwar auch kein Weltrekord - aber doch immerhin sehr erfreulich und durchaus bemerkenswert.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.literaturarchiv.de
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