Literaten an der Weltkriegs-Front

Es gibt kaum jemanden aus der zwischen 1880 und 1900 geborenen Autorengeneration, bei dem der Erste Weltkrieg nicht tiefste Spuren in Leben und Werk hinterlassen hätte.

Gabriele D'Annuzio flog mit einer Militärmaschine einen Propagandaeinsatz und warf Flugblätter über Wien ab. Jaroslav Hasek war einfacher Infanterist und geriet in russische Kriegsgefangenenschaft. Der Expressionist Ernst Stadler starb mit 31 Jahren an der flandrischen Front, und Georg Trakl wurde angesichts des ungeheuren Leids, das er als Militärapotheker in Galizien erleben musste, wahnsinnig. Er beging Selbstmord mit einer Überdosis Kokain.

Die von Horst Lauinger herausgegebene Anthologie "Über den Feldern. Der Erste Weltkrieg in großen Erzählungen der Weltliteratur" (784 Seiten, 29,95 Euro, Manesse-Verlag) unterstreicht diesen Befund eindrucksvoll ... und kann doch nur eine kleine Auswahl all der wichtigen Stimmen präsentieren, etwa Robert Musil und Isaak Babel, Ivo Andric und Stefan Zweig. Unvollständigkeit liegt hier in der Natur der Sache.

Und trotzdem: Einer sollte auf gar keinen Fall fehlen, denn seine literarische Aufarbeitung der europäischen Urkatastrophe ist nach wie vor eines der eindrucksvollsten Dokumente überhaupt. Die Rede ist von Karl Kraus und seinem monumentalen Drama "Die letzten Tage der Menschheit" (800 Seiten, 28 Euro, Verlag Jung und Jung,- Euro). Bei den diesjährigen Salzburger Festspielen kam es erst wieder zu einer vieldiskutierten Aufführung. Genauer gesagt: von Teilen davon. Denn das ganze Stück ist, wie Karl Kraus selbst einräumte, im Grunde unaufführbar. Allenfalls einem "Marstheater" vorbehalten, denn die über 200 Einzelszenen würden eine Aufführungsdauer von zehn ganzen Abenden benötigten, wie Kraus vorrechnete. Also vielleicht doch mehr dem Lesen vorbehaltenes Kopftheater?

Dazu fehlte in letzter Zeit allerdings eine preiswerte Buchausgabe. Die hat nun der Salzburger Jung und Jung Verlag vorgelegt, erfreulicher Weise in ungekürzter Fassung und zu dem wahrlich günstigen Preis von nur 28 Euro für 800 Seiten. Man liest ein faszinierendes, vielstimmiges Dokument. Zwar besaß Karl Kraus noch kein digitales Aufnahmegerät für Sounds, um so erstaunlicher ist aber, mit welcher Exaktheit er bis in die feinsten Nuancen hinein die unterschiedlichsten Sprechweisen und Tonfälle nachzubilden wusste.

Beißende Satire

Ob blasierte Wiener Damen im Kaffeehaus oder Ganghofer mit Kaiser Wilhelm bei der Frontbesichtigung, ob im Kriegsministerium oder im "Nachtlokal", es genügen zwei, drei Dialogzeilen und die Szene steht. Das ist perfektes Typenkabarett und beißende Satire, aber auch abgrundtief pessimistischer Abgesang auf eine Menschheit, an der kein Funken Humanität mehr zu finden ist.

Während Karl Kraus und seine Menschheitstragödie, nicht zuletzt dank Helmut Qualtinger, der in seinen letzten Lebensjahren eine hinreissende szenische Lesung daraus extrahiert hatte, nach wie vor präsent sind, lässt sich dies für einen anderen Autor mitnichten sagen. Hans Herbert Grimm war völlig vergessen, ehe ihn der Frankfurter Literaturkritiker Volker Weidermann kürzlich wieder entdeckte. Genauer gesagt, seinen Erster-Weltkrieg-Roman "Schlump" (, 350 Seiten, 19,99 Euro, Verlag Kiepenheuer & Witsch), der 1928 zum ersten Mal erschienen war, mit einem von Emil Preetorius gestalteten Buchumschlag, auf dem jegliche Verfasserangabe fehlte.

Der 1896 im sächsischen Vogtland geborene Grimm fürchtete wohl um seine Anstellung als Schullehrer, wenn bekannt werden würde, dass er der Autor dieses deutschen Pendants zum "Braven Soldaten Svejk" war. In der Tat gibt es da manche Gemeinsamkeit, Grimm mischt in das Grauen des Kriegsgeschehens ähnlich viel Sarkasmus und beißenden Spott wie schon sein tschechischer "Waffenbruder". Eigene Fronterlebnisse hatte Grimm jedenfalls genauso gemacht wie Jaroslav Hasek.

Dass sein "Schlump" Wehrkraft zersetzende Wirkung haben würde, hatten die Nazis schnell heraus: Sie warfen das Buch, wie so viele andere auch, im Mai 1933 auf ihre Scheiterhaufen. Danach packte Grimm eine solche Angst, dass er alle Spuren seiner Autorschaft tilgte und in seiner Wohnung im thüringischen Altenburg das Manuskript des "Schlump" kurzerhand einmauerte. Rund 80 Jahre später hat Volker Weidermann diese bemerkenswerte Geschichte aufgedeckt und den Deutschen einen weiteren Antikriegsroman zugänglich gemacht, der ungefähr zeitgleich mit Erich Maria Remarques "Im Westen nichts neues" erschienen war.

Umfangreicher Sonderband

Dass diejenigen professionellen Schreiber, die den Ersten Weltkrieg unmittelbar selbst erlebt haben, gar nicht anders konnten, als ihn literarisch zu gestalten, mag eine Binsenweisheit sein. Schon überraschender ist, in welchem Maße das Thema selbst heute, 100 Jahre danach, noch immer die Imagination von Autoren zu beschäftigen vermag. Bestes Beispiel hierfür ist der umfangreiche Sonderband der Literaturzeitschrift "die horen" (Heft 254, , 400 Seiten, 16,50 Euro, Wallstein-Verlag), der aus einem Projekt des Netzwerkes der Literaturhäuser in Deutschland hervorgegangen ist.

23 Autorinnen und Autoren aus mehreren europäischen Ländern waren eingeladen, Erzählungen aus ihrer jeweiligen Heimatstadt beizusteuern, die möglichst auf Grundlage eines lokalen Quellenstudiums - zum Beispiel alter Tageszeitungen - ein Bild vom Sommer 1914 zeichnen sollten. Eine Verschränkung also von Historiographie mit freier Fiktion, sozusagen dem Fachgebiet der Literaten.

Erstaunlicher Weise jedoch gelingt es vielen Autoren nur schwer, sich von der Faktenlage wirklich frei zu machen. Eifrig recherchiert haben sie alle, das merkt man ihren Beiträgen an. Da werden Zeitungsmeldungen collagiert, zum Beispiel in Angela Krauß' Text "Leipzig in Extrablättern", oder regelrechte geschichtliche Essays geschrieben wie im Falle der an sich genuinen Romanautorin Bettina Baláka, die sich dem eher trockenen Thema "Graz und das Herzogtum Steiermarkt zu Beginn des Ersten Weltkriegs" widmet.

Zupackende Naturelle

Doch daneben gibt es auch literarisch beherzt zupackende Naturelle, wie zum Beispiel Ulf Stolterfoht, der bereits durch etliche experimentelle Lyrikbände aufgefallen ist. Er macht in einer Art Langgedicht die Stuttgarter Stehbierhalle Brettschneider zur Bühne für den Auftritt der unterschiedlichsten Personen. Unter anderem des - von Stolterfoht erfundenen - expressionistischen Dichters Eugen Kalbfell, 28 Jahre alt. Sogar Proben von dessen exaltierter Dichtkunst rückt er ein: "heslach gellt verrat / biert eklen borst".

Und Marcel Bayer aus Dresden, Autor des vielgelobten Romans "Flughunde", liefert einen sprachmächtigen Essay ab, der nicht nur das historische Klima durch detailgenaues Erzählen zu evozieren weiß, sondern auch immer wieder Parallelen zur Jetztzeit schlägt. Über den Ehrenkodex der damaligen Soldatenwelt "Ehre oder Tod" schreibt er: "Die höchstens noch von abgestumpften Freischärlern im zerfallenden Jugoslawien der neunziger Jahre oder von aufgeblasenen Kiez-Rappern vertretene Gammellogik hirnverbrannter Duellanten muss Anfang des zurückliegenden Jahrhunderts in den höheren Kreisen [...] absolut gültig gewesen sein."
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