Luftmuseum zeigt Fotografien von Erich Spahn zu Walter Gropius' "Glaswerk Amberg"
Kathedrale der Arbeit

Die Pforte atmet die kühle Eleganz der klassischen Moderne und erinnert in ihrer reduzierten Formensprache an den Bonner Kanzlerbungalow oder an die Neue Nationalgalerie in Berlin. Bilder: Erich Spahn
 
Wenn das 100 Meter lange Beton-Giebeldach aus der grünen Talsenke auftaucht, ist man überrascht von der Klarheit der seriellen Form und seiner architektonischen Souveränität.

Will man die Fremdartigkeit eines Gebäudes mit Worten bezeichnen, dann bedient man sich für gewöhnlich bei etwas Uraltem wie dem Urzeitsaurier – oder behauptet ganz keck, das Ding, es sehe aus wie etwas noch nie Dagewesenes: Wie ein Ufo, ein Unbekanntes Flugobjekt, das hier, mitten in der Oberpfalz, gelandet sei.

Und tatsächlich: Bis heute fremdeln die Amberger ein bisschen mit diesem sich nach oben verjüngenden Betonbau, der, als er 1970 draußen im Stadtosten, im Bergsteigviertel errichtet wurde, ein Statement der Nachkriegsmoderne sein sollte. Weil der Volksmund aber origineller ist als alle Textbausteine, die Journalisten nach Sisyphos-Manier vor sich herrollen, ließ er sich eine Bezeichnung einfallen, die bis heute nicht nur diese gefühlte Distanz zum Ausdruck bringt, sondern auch die Faszination, die dieser Bau ausstrahlt: die Glaskathedrale.

Bedeutendster Architekturbau


Entworfen wurde die Glaskathedrale von einem der berühmtesten Architekten der Welt, von Walter Gropius. Mit dem 1967 als auf Initiative von Philip Rosenthal begonnenen pyramidenförmigen Glas-Beton-Bau setzte der Gründer der berühmten Kunstschule „Bauhaus“ einen mächtigen Schluss-Stein ans Ende seiner Karriere. Diese hatte bereits vor dem Ersten Weltkrieg ihren Anfang genommen, mit der Errichtung der Fagus-Schuhleistenfabrik im niedersächsischen Alfeld. Heute ist das ein legendärer, mit Weltkulturerbe-Status geadelter Pilgerort für Architekturfans aus aller Welt.

Den weltweit meist beachteten Gipfelpunkt seiner Karriere erreichte Gropius mit dem 246 Meter hohen PanAm-Building in New York. Die Oberpfälzer Glashütte dagegen gehört zu den etwas in Vergessenheit geratenen Werken. Wenngleich: Architekturkritikerin Ina Mazzoni bezeichnet den aus einer Senke aufsteigenden Betonkörper in der „Süddeutschen Zeitung“ als „Bayerns architektonisch bedeutendsten Industriebau“.

Im Produktionsmodus


Luftmuseumsleiter Wilhelm Koch hatte schon immer ein Faible für diesen Bau – und unternimmt alles, was in seiner Macht steht, diesem Phoenix aus der Pott-Asche Hilfestellung zu leisten und so seine Wiederauferstehung in Gestalt größerer öffentlicher Aufmerksamkeit zu gewährleisten. Deshalb hat er den Amberger Fotografen Erich Spahn beauftragt, „erstmals eine ernsthafte Dokumentation des Baukörpers vorzulegen“. Eine kleine Auswahl dieser großformatigen Arbeiten ist in den nächsten Wochen im Erdgeschoss des Luftmuseums zu sehen.


Erich Spahn selbst zeigt sich fasziniert von diesem Kraftort: „Das Licht wechselt hier ja unentwegt, das ist für einen Fotografen nicht nur eine Herausforderung, das setzt auch viele positive Impulse frei!“ Tatsächlich strahlen seine Arbeiten eine Art von Magie aus, die sich aus der Alchemie der Künstlichkeit des Betons, des glänzenden Glases und der Frische des Grüns, innerhalb dessen das „Glaswerk“ angesiedelt ist, speist.

Erich Spahn hat an einem Samstag dort fotografiert – an einem Tag also, an dem der gewöhnliche Arbeitnehmer zum Einkaufen fährt, Sport macht oder seinen Wagen wäscht. Die Produktion der Firma Nachtmann aber, die dort vor allem Weingläser herstellt, ruht nie. 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr, ob Weihnachten, Ostern oder Silvester – die Glaskathedrale ist permanent im Produktionsmodus! „Was mich fasziniert hat“, sagt Erich Spahn, „das war die Ruhe, die an diesem Ort herrscht. Trotz aller Geschäftigkeit!“ Und so erhalten die Amberger Gelegenheit, „ihrer“ Glaskathedrale im Luftmuseum in Gestalt dieser Fotoarbeiten im Ur-Zustand völliger Ruhe zu begegnen.
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