"Lustig ist das Soldatenleben": Vortrag über alte Lieder von der Front
Verlogene Kriegsromantik

Soldatenlieder wechselten mit Schilderungen aus Feldpostbriefen. Ein Antikriegsprogramm, zu dem Riedens Heimatverein begleitend zur Ausstellung "Leben im Krieg - 100 Jahre Erster Weltkrieg" eingeladen hatte. Bild: sön
(sön) Der Ausbruch des ersten Weltkrieges jährte sich im August zum 100. Mal. Zu Texten aus Feldpostbriefen hatte Ulrike Bergmann historische Lieder ausgewählt, die sie ausdrucksstark zum Klang einer Bass-Drehleier vortrug. Zahlreich hatten sich die Zuhörer in der Mehrzweckhalle der Grundschule versammelt. Vor und nach der Lesung besichtigten viele die Ausstellung "Leben im Krieg - 100 Jahre Erster Weltkrieg" (wir berichteten).

Ulrike Bergmanns Stimme ist ruhig, ihr Vortrag ohne Effekthascherei, aus den ergreifenden Zeilen der jungen Männer spricht Heimweh und große Sorge. "Nichts konnte unsere Liebe je zerstören", schreibt ein junger Bataillonsarzt kurz nach Kriegsausbruch an seine Frau: "Außer dieser Wahnwitz, der nun vor uns liegt. Nun sind alle unsere Zukunftspläne aus." Erstaunlich war für die Zuhörer, wie sehr die Männer ihre Gefühle offen legten. Selbst das Schreiben eines Offiziers, der einer Mutter den Tod ihres Sohnes mitteilen muss, besteht nicht aus offiziellen Phrasen, sondern drückt tief empfundene Trauer aus.

Im Kontrast dazu stehen "Lieder vom Krieg", die größtenteils schon erheblich älter sind. Ulrike Bergmann, eine Kennerin alter, volkstümlicher Musik, hat keine ideologischen Barrieren aufgestellt. Bei den Liedern, die sie zur Drehleier vorträgt, sind auch einige Werke zur patriotischen Erbauung, die den Kriegsdienst als Heldentat feiern. So das Kinderlied "Wer will unter die Soldaten", das in Preußen vor dem ersten Weltkrieg für den Unterricht in der fünften und sechsten Klasse empfohlen wurde. Es diente der Kriegserziehung während des Kaiserreichs und findet sich auch in Liederbüchern für Soldaten. Besonders bizarr das Lied "Lustig ist das Soldatenleben", das ebenfalls auf dem Lehrplan stand. Darin geht es um fröhliche Vaterlandsverteidiger, die mit Säbel und Gewehr losziehen, um "für Gott und das Bayern-Reich zu streiten". Diese verlogene Militärromantik ist 1914 endgültig dahin: "Das Beschossenwerden ist nicht mal das Schlimmste, daran gewöhnt man sich", schreibt etwa ein Medizinstudent nach Hause. "Der ständige Regen und der Hunger sind unsere schlimmsten Feinde." Die Briefe legen erstaunlich oft die Defizite der Kriegsführung dar: "Wir liegen im Winter in Dreck und Wasserlöchern. Ohne Stiefel. Gewehre und Granaten schießen uns eine schreckliche Weihnachtsmusik."

Als Kontrast dichteten sich manche Soldaten eigene Lieder wie "Argonnerwald um Mitternacht." Dort heben deutsche Pioniere ihre düstere Lage ins Trotzig-Heldenhafte: "Der Sturm bricht los, die Mine kracht. Der Pionier gleich vorwärts macht. Bis an den Feind macht er sich ran und zündet dann die Handgranate an." Unbeholfene, markig-verzweifelte Männer-Lyrik, die von Ulrike Bergmann vorgetragen einen hohen Gänsehautfaktor hat.
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