"Macht euch locker!"

Tschechien 2015, ein ganz normales Land in Mitteleuropa. Dazu gehören auch politische Geisterfahrer, die sich in Deutschland hinter Pegida, in Böhmen hinter dem tschechisch-japanischen Politiker Tomio Okamura versammeln. Ganz anders präsentiert sich Pilsen. Das Motto der Kulturhauptstadt: "Open up" - öffnet euch, macht euch locker!"

Man solle "Hunde und Schweine" in der Umgebung von Moscheen Gassi führen, schlägt Okamura auf seiner Facebook-Seite vor. Der Senatsabgeordnete hatte zuvor schon die Existenz eines Konzentrationslagers im südböhmischen Lety geleugnet, in dem Historikern zufolge zwischen 1940 und 1943 etwa 1300 Roma interniert waren. Der Sohn einer tschechischen Mutter und eines japanischen Vaters, ist Vorsitzender der rassistischen Partei "Morgenröte der direkten Demokratie".

Die Reaktionen auf den Rechtsausleger reichen von Empörung (Jirí Dienstbier junior: "Ein solcher Mensch gehört nicht in eine anständige Gesellschaft") bis Hohn (Georg Pacurar, Tschechien online: "Was Okamura schwadroniert nimmt keiner Ernst"). Bitter nur, dass auch Präsident Milos Zeman seine gesunkenen Popularitätswerte mit Stammtisch-Vokabular aufmöbeln möchte: In der Zeitung "Deník" empfiehlt er, Einwanderer in die Heimatländer abzuschieben, weil sie sich "schon genetisch" nie der Kultur ihrer Gastländer anpassen würden.

Formans fantastische Welt

Pilsen 2015, eine ganz andere Atmosphäre. Wie wohltuend hebt sich davon das Motto der Europäischen Kulturhauptstadt Pilsen ab: "Open up" - öffnet euch, macht euch locker". Kein billiger Anglizismus, sondern ein Appell, mentale Mauern zu überwinden. Petr Forman, Sohn des Oscar-gekrönten Regisseurs Milos Forman (Einer flog über das Kuckucksnest, Amadeus), setzt den rechten Brandstiftern seine offene Welt der Träume und Fantasie entgegen: Stichwort "Neuer Zirkus", Theater, Kunst im öffentlichen Raum und reichlich Schwejk'scher Humor.

Der in Prag geborene Forman, ist hier kein Fremder. Der künstlerische Leiter des Kultur-Hauptstadtjahres hat seine Kindheit in Pilsen verbracht. Unter seiner Regie wird das Programm überraschender und bunter als das mancher Vorgängerstädte. Und das soll bei der Eröffnung am Samstag, 17. Januar, sichtbar werden. Nachdem sich der Platz der Republik ab 17 Uhr mit einem Sternmarsch von Musikern, Volkstänzern, Schülern, Pfadfindern, Vereinen und Theaterleute aus allen Stadtteilen gefüllt hat, läutet Forman das Kulturhauptstadtjahr offiziell ein - das ist wörtlich gemeint: "Die vier neuen Glocken der Bartholomäus-Kathedrale läuten anlässlich unserer Eröffnung zum ersten Mal", sagt Forman, "sie stehen thematisch im Mittelpunkt der Inszenierung."

Licht, Farbe und Klang

Sobald es dunkel wird, beginnt der riesige Marktplatz zu tanzen: "Mit Hilfe vieler Projektoren setzen wir die Fassaden der Kirche und der Häuser in Bewegung - die größte Video-Mapping-Show Tschechiens", verspricht der 51-Jährige ein Spektakel aus Licht, Farbe und Klang. Bilder zur Geschichte der Stadt und Pilsener Persönlichkeiten flimmern rings um die Kathedrale. "Ein weiteres Highlight ist David Dimitris Seiltanzakt vom Kirchturm bis zum Puppenmuseum", sagt Forman. "Und dann gibt's noch einige Überraschungen", ergänzt der Theatermagier vielversprechend.

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Der heutigen Ausgabe unserer Zeitung liegt eine Sonderbeilage mit 20 Seiten zur Kulturhauptstadt Pilsen bei.
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11335)Pilsen (108)Januar 2015 (7958)
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