Märchen erleben Rückkehr

Seit den 1970er Jahren arbeiten Göttinger Literaturwissenschaftler an einer "Enzyklopädie des Märchens". Die 14 Bände berücksichtigen Erzähltraditionen aus aller Welt. Mitherausgeber Hans-Jörg Uther beobachtet eine Renaissance von Schneewittchen und Co.

Selbst die Stichwortliste der "Enzyklopädie des Märchens" liest sich wie eine Sage aus uralten Zeiten. Allein unter dem Buchstaben A geht es unter anderem um Abwehrzauber, um die geschundene Alte und um Aufgaben des Königs. Im Dezember erschien der 14. Band des Nachschlagewerks. Die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen hat das Projekt vor über 40 Jahren gestartet, jetzt liegen knapp 4000 Artikel von mehr als 850 internationalen Autoren vor. Mitherausgeber Hans-Jörg Uther sieht die Märchen auch wegen gelungener Verfilmungen im Aufwind, wie er im dpa-Interview sagte.

Sie haben in einem Team von Wissenschaftlern riesige Mengen an Informationen über Märchen aus aller Welt zusammengetragen. Fühlen Sie sich als Erben der Brüder Grimm?

Hans-Jörg Uther: Das würde ich niemals für mich in Anspruch nehmen. Allerdings haben die Brüder Grimm in ihren wenig beachteten Kommentarbüchern zu ihren Märchen Vergleiche angestellt. Sie haben die vergleichende Erzählforschung begründet. Deshalb sind wir im weitesten Sinne auch die Nachfolger der Brüder Grimm.

Welches Märchen ist in allen Kulturen bekannt?

Uther: Das ist die Mythe vom Drachentöter. Der Held bezwingt die feindliche Umwelt, die durch den Drachen symbolisiert wird. Der Drachen ist in den meisten Teilen der Welt negativ besetzt, ein Ungeheuer, nur in Asien nicht. Das Märchen der Brüder Grimm mit einem Drachentöter heißt "Die zwei Brüder". Es ist ihr längstes Märchen, aber wegen der Länge nicht besonders populär. In der Beliebtheits-Skala stehen seit langem "Schneewittchen", "Hänsel und Gretel" und "Rotkäppchen" ganz oben.

Gibt es typisch deutsche Märchen?

Uther: Man kann in der Regel nicht genau sagen, woher das Erzählgut kommt. Klassische Märchenländer sind Frankreich und Italien. Wilhelm Grimm hat eigene Märchen geschaffen, wie "Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen" oder auch "Sterntaler". Der Dichter Johann Heinrich Jung-Stilling schrieb im 18. Jahrhundert "Jorinde und Joringel". Es ist ein Irrglaube, dass Märchen immer auf Jahrhunderte alten mündlichen Überlieferungen beruhen.

Die Handlungen strotzen vor Gewalt, die Schwiegermütter sind immer böse und die Prinzessinnen warten auf Rettung. Warum sollten Eltern Kindern dennoch Märchen vorlesen?

Uther: Die Grausamkeit gibt es de facto, aber sie spielt immer die Rolle der ausgleichenden Gerechtigkeit. Menschen, die Böses getan haben, werden bestraft. Einige Märchen wurden abgemildert. Da werden den Stiefschwestern von Aschenputtel nicht mehr die Füße abgehackt. Die Stiefmütter sind nur bei den Brüdern Grimm so häufig negativ dargestellt. Das hängt aus meiner Sicht damit zusammen, dass in der Erbfolge die Kinder des Vaters aus der ersten Ehe immer vorgezogen werden.

Welche heute noch gültigen Werte vermitteln Märchen?

Uther: Die Märchen vermitteln zum Beispiel, dass jeder Mensch eine zweite Chance verdient hat. Häufig entwickeln sich die Unscheinbaren oder Außenseiter zu den wahren Helden. Dagegen versagen oft die Figuren, die äußerlich besonders stark wirken. "Hänsel und Gretel" wird häufig als Lieblingsmärchen genannt, weil die Geschwister so toll zusammenhalten. Bei "Hans im Glück" geht es um Zufriedenheit.

Gibt es eine neue Wertschätzung für Märchen?

Uther: In den 70er Jahren gab es viel Kritik, zum Beispiel an dem antiquierten Bild der Frau. Das ist zum Teil sicherlich richtig gewesen, aber vieles wurde damals ausgeblendet. Märchen haben heute ein so hohes Ansehen wie lange nicht. Das liegt auch an den schönen neuen Verfilmungen, die die ganze Szenerie originalgetreu umsetzen.(Hintergrund)
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