Markus Veith unterhält mit einer Ein-Mann-Gruselkomödie
Schauerlich, aber schön

Der Mörder steckt in der Zwangsjacke. Sein Opfer, die alte Dame, schaut mit der Katze auf der Schulter auf ihn herab. Bild: sck
Wer das Gruseln und Schaudern bei Edgar Allen Poe gelernt hat, sollte vielleicht einmal bei Markus Veith von der Landesbühne Oberfranken einen Auffrischungskurs belegen. Im Auerbacher Theatersommer stand er am Samstagabend mit seinem Solostück "Einst um eine Mittnacht" auf der Bühne der Helmut-Ott-Halle.

Inspiriert vom amerikanischen Dichter hat Veith selbst zur Feder gegriffen. Er verwob mehrere Geschichten Poes zur abendfüllenden Erzählung des Raben "Nimmermehr".

Der Auftritt des Raben

Unheimlich mutet die Szenerie aus Poes Gedicht "Der Rabe" an, wenn es des Nachts an Tür und Fenster pocht, obwohl niemand draußen steht. Auch in den Versen von Veith klopft es, und der Schauspieler sucht nach Erklärungen dafür. Als er erneut die Tür öffnet, dringt ein Rabe ein. "Sch...", durchzuckt es ihn, "der kackt mir jetzt die Bude voll." Veith fragt den Raben nach seinem Namen, und dieser krächzt deutlich vernehmbar "Nimmermehr". Dann nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Die Erinnerungen an makabre Kinderspiele mit Tieren, bei denen schon mal einem Kaninchen das Fell rasiert wurde, überlebt zunächst nur "Die schwarze Katze" mit ihrem lieblichen Miauen. Doch als sie es sich erlaubt, zu kratzen, ist auch ihr Ende besiegelt. Sie wird ins Geäst eines Baumes gehängt. Nervtötend jedoch daraufhin das Geschrei von hundert Katzen, das dazu zwingt, das Tier vom Baum zu holen, es anzuzünden und brennend durchs Fenster zu werfen. Dumm nur, dass dabei das Haus in Flammen aufgeht.

Die Suche nach einer neuen Bleibe führt die Hauptperson zu einer alten Frau, die ein Zimmer unterm Dach vermietet. Bei ihr fühlt er sich jedoch traktiert, weil sie ihn tagein tagaus mit Kaffee und Plätzchen bewirtet. Sie stirbt schließlich, erstickt durch ein Kissen, und wird versteckt.

Während ein Polizist im ganzen Haus nach der Vermissten sucht, ertönt - unhörbar für ihn - ihr Herzschlag. "Das verräterische Herz", erst leise pochend, dann ohrenbetäubend laut hämmernd, treibt den Mörder in den Wahnsinn. Hier schlüpft Veith mit irrem Gelächter blitzschnell verkehrt herum in sein Sakko. Es wird dem Mörder zur Zwangsjacke.

Variantenreiche Stimme

Genial, wie der Dortmunder Schauspieler, einem Verwandlungskünstler gleich, in Sekundenschnelle von einer Rolle zur anderen in die von Anna Busch geschneiderten Kostüme schlüpfte. Sei es der Rabe, der Tierquäler, der mordende Mieter, der Polizist, der Irre oder später bei der Verwertung von Elementen aus "Der Untergang des Hauses Usher" als Roderick Ushers Kommilitone aus Studienzeiten.

Ebenso bewundernswert sein variantenreicher dynamischer Stimmeneinsatz, mit dem er treffsicher Verzweiflung, listige Verschlagenheit, tobende Wut oder Melancholie bei der Erinnerung an eine Jugendliebe ausdrückt. Damit bewältigt er die zahlreichen Dialoge seiner Dichtung und verleiht den schauderlichen Puppen, gefertigt von Thomas Glasmeyer, ihr ureigenes Leben. Furchterregend auch die Bilder von Christian Turk, die die Bühne zierten.

Licht- und Soundeffekte

Die oft unheimliche Szenerie tauchte Herbert Mayer, der einzige Assistent und Begleiter Veiths bei der Ein-Mann-Vorstellung, mal in düsteres und mal in blutig-rotes Licht. Mayer spielte auch die von Alex Terzakis gemixten Sounds zur Verstärkung der gruseligen Stimmung ein.

Ein schauderlich-schönes Finale setzte Veith durch seine in die Moderne übersetzte "Maske des roten Todes" mit einem Dr. Marcel Bitternagel, einer Diva und einem Kurt Bauernfang, die sich über die Gesellschaft mokieren und bei gegenseitigen Gesundheitstipps zur Behandlung von schweren Depressionen ein Bad mit Fön empfehlen.

In einer plötzlich auftauchenden undefinierten Gestalt erkennt jeder etwas anderes. Als die Gestalt zu tanzen beginnt und der Rabe wiederkehrt, taucht die Frage des bereits eingangs bedächtig in Erinnerungen versunkenen Herren wieder auf, die auch zum Schluss mit "Nimmermehr" beantwortet wird.

Anstelle eines Schlussakkords beendet der mitternächtliche Zwölf-Uhr-Schlag einer Turmuhr den Abend des vom 3. Bürgermeistes Norbert Gradl in Auerbach als "gerngesehenen Wiederholungstäter" angekündigten Markus Veith.
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