Marlene Mortler (CSU): Mehr Menschen sollen Cannabis als Medizin bekommen
Cannabis: Kein Wundermittel

Die Meldung, dass es künftig verstärkt Cannabis auf Rezept geben soll, sorgt für Diskussionen. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), erklärte: "Mein Ziel ist, dass in Zukunft mehr Menschen als bisher Cannabis als Medizin bekommen können."

Das Gesundheitsministerium arbeitet bereits an einer Regelung. Über das Thema sprach Redakteur Christopher Dotzler mit Dr. Heribert Fleischmann, Ärztlicher Direktor am Bezirkskrankenhaus Wöllershof und Vorsitzender der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Er betonte allerdings, dass es sich bei den Antworten um seine persönliche Meinung handle.

In welchen Bereichen kann Cannabis sinnvoll als Medizin eingesetzt werden?

Inwieweit von einem "sinnvollen" Einsatz im Sinne von "unverzichtbar" gesprochen werden kann, ist eine Ermessensfrage. Befürworter, auch einige Politiker, sprechen manchmal recht enthusiastisch vom angeblichen Segen dieses Pflanzenheilmittels. Dabei setzt es sich aus 60 Substanzen zusammen - auch chemischen. Das zweifelsohne vorhandene schädliche Potenzial wird bagatellisiert.

Wie stehen Sie zu dem Thema, dass es "Cannabis auf Rezept" geben soll? Immerhin sprach sich die Bundeskanzlerin dafür aus, Schwerkranken diese Möglichkeit zu bieten.

Cannabis auf Rezept gibt es in Deutschland für mehrere Fertig- oder Rezepturarzneimittel, jedoch nur für die bereits erwähnten Indikationen. Eine medizinische Verwendung von Cannabis in Form von Kraut bedarf dagegen einer Ausnahmegenehmigung. Grundsätzlich können Ärzte das Mittel aber sogar im Rahmen eines individuellen Heilversuchs verordnen. Oft geht das aber zulasten der Patienten. Die Entwicklung geht dahin, dass Cannabis als Wunderheilmittel für alles gesehen wird - jedoch ohne weitere wissenschaftliche Wirknachweise.

Ist das nur der erste Schritt zu einer kompletten Legalisierung?

Wie man unschwer erkennen kann, besteht seit langem ein legaler Zugang zu medizinisch wirksamen - in der Regel halbsynthetischen - Inhaltsstoffen. Das Urteil des Kölner Verwaltungsgerichts (es erlaubte drei chronisch kranken Patienten den Anbau von Cannabis daheim; Anm. d. Red.) weitet die Indikation ohne weitere wissenschaftlich begründete Evidenzbasierung aus. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sowie der gemeinsame Bundesausschuss, der für die Zulassung von Arzneistoffen zuständig ist, werden umgangen. Das kann durchaus als Absichtserklärung der Richter verstanden beziehungsweise missverstanden werden.

Was entgegnen Sie Befürwortern der Legalisierung?

Ich denke, dass auch Befürworter der kompletten Legalisierung davor zurückschrecken würden, wenn Cannabis plötzlich von Pharmakonzernen auf den Markt geworfen wird, an Automaten erhältlich ist, in den Medien beworben und Jugendlichen angeboten wird. Ich denke, es geht vorrangig um eine neue Regelung des Umgangs mit diesen Schadstoffen.

Heißt konkret?

Etwa, dass nicht mehr den Konsumenten alle Risiken treffen und nicht mehr kriminalisiert wird. Stattdessen sollten Produzenten für Schäden haftbar gemacht werden. Bei einem in den nächsten Jahren intensiv zu führenden gesellschaftlichen Diskurs sollte man genau abwägen, wie zukünftig Risiken neu verteilt werden. Wichtige Punkte sind Gesundheitsrisiken, rechtliche und ökonomische Fragen, Prävention, Schadensminimierung, Jugendschutz sowie Fragen der Ethik.

Wie groß ist die Gefahr, dass Missbrauch mit "Cannabis-Rezepten" getrieben wird?

Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass der bereits praktizierte Missbrauch von Rezepten vor Cannabis Halt machen wird. Es wird eher davon auszugehen sein, dass zukünftig Abhängige sich unter einem Vorwand, zum Beispiel eines Schmerzsyndroms, Cannabis verordnen lassen.

Ich erinnere nur an die 90er Jahre, als Opiatabhängige plötzlich unter chronischen Husten litten, um kodeinhaltige Arzneimittel verordnet zu bekommen, bis das durch das Betäubungsmittelgesetz unterbunden wurde. Bekanntlich scheitern manche Mediziner immer wieder an der ärztlichen Kunst, die unter anderem darin besteht, dem richtigen Patienten in der richtigen Indikation das richtige Arzneimittel zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Dosis zu verordnen. (Hintergrund)
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