Medizin lernt aus der Luftfahrt

Mit "Je besser das Team, desto sicherer der Patient" hatte Michael St. Pierre, Oberarzt der Anästhesie am Uniklinikum Erlangen, seinen Vortrag überschrieben, den er beim Dreikönigssymposium in Theuern hielt. Ein erfolgreiches Crew Resource Management belege, wie gut Teamarbeit sein kann. "Wenn das eine Selbstverständlichkeit geworden ist, dann wäre viel gewonnen", unterstrich er. Bilder: Sandig (2)

Kurz nach dem Start setzt der Airbus A 320 auf dem Hudson River auf - Flug 1459 von US Airways ist als Wunder von Manhattan in die Geschichte eingegangen, Kapitän Chesley B. Sullenberger seitdem ein Held. Für ihn war die erfolgreiche Notwasserung aber auch Ergebnis eines funktionierenden Crew Resource Managements. Ein System, das längst auch in der Medizin angekommen ist.

Dr. Michael St. Pierre ist ein ausgewiesener Experte in Sachen Crew Resource Management, kurz CRM. Der Mediziner, Oberarzt der Anästhesie am Uniklinikum Erlangen, hat darüber ein Buch verfasst. Außerdem betreut er das Simulationstraining am Uniklinikum. Dieses System, das seine Ursprünge in der Luftfahrt hat, aber auch in der Medizin eingesetzt wird, erläuterte er beim Dreikönigssysmposium der Ärztlichen Leiter Rettungsdienst (ÄLRD) im Kulturschloss Theuern.

Erfahrung allein reicht nicht

Flug Eastern 401 zerschellte 1972 in den Everglades in Florida, auf Teneriffa kollidierte 1977 eine Maschine der KLM mit einer Boing von Pan Am, ein Jahr später stürzte United 173 wegen Treibstoffmangels in der Nähe von Portland ab. St. Pierre nannte die Ergebnisse der Ursachenforschung: menschliches Versagen, Erfahrung allein reicht nicht aus, wiederkehrende Fehler. Als Konsequenz führte die Luftfahrt ein Cockpit Resource Management ein, das später in Crew Resource Management umbenannt wurde, da auch das Kabinenpersonal und der Tower einbezogen wurden.

In der Medizin sei es die Anästhesie gewesen, die dies als erste übernommen habe. Crew Ressource Management ist laut St. Pierre auf zwei Dinge focussiert: auf den Einzelnen und auf das Team. "CRM enthält sehr viel Psychologie", sagte der Mediziner und erklärte, was Wahrnehmung ist ("Sie wird durch Erwartung geleitet") und warum man bei Entscheidungsfindungen nicht nur dem Bauchgefühl (intuitiv) oder dem Kopf (analytisch) folgen sollte, sondern die Kombination aus beiden gut ist.

Standards und Ressourcen

Aneinander-vorbei-Reden, mehrdeutige Aussagen und Annahmen ("Ich kann nicht erwarten, dass andere meine Gedanken lesen können") können zu Missverständnissen und damit zu Fehlern führen. Genau da setzt Crew Resource Management an. St. Pierre erläuterte es am Beispiel des Fixierungsfehlers: Man trifft eine Entscheidung, im medizinischen Fall die Diagnose, und bleibt um jeden Preis dabei. Das CRM-Training setzt darauf, die getroffene Entscheidung auch selbstkritisch zu hinterfragen. "Man sucht aktiv nach Argumenten, die die erste Annahme widerlegen könnten." So schließe man aus, ja nichts zu übersehen.

Einhalten von Standards, Erkennen von Ressourcen und die sinnvolle Verteilung von Aufgaben sind einige Bausteine des CRM. Wichtig sei, sich stets eine Rückmeldung geben zu lassen. Geschehe dies nicht, gehe man von Annahmen aus "und die sind zu 50 Prozent falsch". Falls weitere Hilfe benötigt werde, sei diese frühzeitig anzufordern.

Jeder ist mitverantwortlich

St. Pierre machte deutlich, woraus Teamarbeit besteht: verschiedene Begabungen und Fähigkeiten, mehr Standpunkte und damit mehr Alternativen. Teams hätten auch Defizite, dazu zählten mangelnde Kommunikation und eine ungenügende Festlegung von Verantwortlichkeiten. "Jeder im Team ist mitverantwortlich für die Patientensicherheit", betonte er.

Für den Mediziner aus Erlangen ist CRM ein Werkzeug, etwas zu verändern, die Patientensicherheit zu verbessern. Auch dank eines guten CRM-Trainings ist am 15. Januar 2009 die Notwasserung auf dem Hudson geglückt, haben alle 155 Menschen an Bord von Flug 1459 von US Airways überlebt. Umso erstaunlicher, wenn Dr. St. Pierre sagt, dass 20 bis 30 Prozent der Piloten diesen Baustein nicht wollen. (Hintergrund)
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