Mehr als ein Museum: Das NS-Dokumentationszentrum München
Ort des Lernens und Erinnerns

Als Gründungsort der NSDAP ist München wie keine andere Stadt mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus verbunden. Das NS-Dokumentationszentrum befindet sich auf dem Gelände des "Braunen Hauses", der einstigen Parteizentrale der NSDAP. Der Ort steht symbolisch für den Aufstieg der Partei und ihren totalitären Machtanspruch. Bilder: Jens Weber (3)
 
Zum Konzept des NS-Dokumentationszentrums München gehört, dass die Themen der Dauerausstellung mit wechselnden Präsentationen erweitert und vertieft werden.
Das Engagement der Münchner wird weltweit registriert, man darf wieder ohne Wenn und Aber stolz sein, Münchner, Deutscher zu sein. Doch die Willkommenskultur zeigt deutliche Schrammen. Dennoch gilt es, im Sinne einer Verantwortungspolitik mit aller Kraft, die Demokratie zu stützen, den Rassisten Einhalt zu gebieten. Das NS-Dokumentationszentrum hat zum richtigen Zeitpunkt seine Pforten geöffnet.

Dass die Nazi-Diktatur direkt in den Krieg und zur Zerstörung Münchens führte, ist mittlerweile Allgemeingut. Dass Hitler und seine Gefolgsleute über 6 Millionen Juden töten ließ, auch dies wird kaum mehr bezweifelt. Selbst das günstige bürgerliche Klima, in dem die Nationalsozialisten in den 20er Jahren groß werden konnten, wurde schon oft thematisiert. Doch wer glaubt, über diese Zeit schon alles zu wissen, den wird der Besuch dieses „Geschichts-Lernorts“ mit seinen vielen Texten und Fakten eines Besseren belehren.

Obwohl oder gerade weil die Dauerausstellung, verteilt auf vier Etagen und eingebettet in die Topografie des Orts, äußerst nüchtern präsentiert wird, ist ihre Wirkung so umwerfend. Das Dokumentationszentrum wird ohne Zweifel die Sensibilität im Hinblick auf die Ausgrenzung von Minderheiten schärfen.

Weißer Würfel


Der Besucher des NS-Dokumentationszentrums sieht einen weißen Würfel, der sich schon von weitem von den umgebenden NS-Monumentalbauten abhebt. Innen führen die zweigeschössigen Lufträume seinen Blick unweigerlich immer wieder in die Umgebung: zur Hochschule für Musik (früher der sogenannte Führerbau) oder zu den Sockeln, von denen selbst viele Münchner bislang nicht wussten, dass Hitler hier unter anderem die im gescheiterten Putsch von 1923 Gefallenen pseudoreligiös ehren ließ.
Der Besucher findet in dem „zu Stein gewordenen Geschichtsbuch“ eine Fülle an zweisprachigem Dokumentationsmaterials: nicht nur zum Aufstieg der NS-Bewegung in München, zum Mitmachen der Bevölkerung und zum Zweiten Weltkrieg, sondern auch zur Zeit nach 1945.

Demokratie leben


Was geht uns das alles heute noch an? Oder mit den Worten von Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München, gesprochen: „Kann das morgen wieder mit anderen Minderheiten passieren?“ Vor dem Hintergrund der immensen Flüchtlingszuströme wagt man diese Frage nicht unbedingt zu verneinen. Und damit hat das Dokumentationszentrum ohne Zweifel gerade heute seine Berechtigung. Professor Winfried Erdinger, Leiter des NS-Dokumentationszentrums München, will „erklären, in den Kontext stellen, Zusammenhänge sichtbar machen.“ In der Hoffnung, dass dieses düstere Kapitel der deutschen Geschichte sich nie wiederholt, dass Demokratie täglich von uns allen gelebt und verteidigt wird.

Die Nazi-Diktatur hatte sich nicht nur die Eliminierung der Juden zum Ziel gesetzt – auch Polen, Russen und Tschechen sollten im Sinne der Gewinnung von „Lebensraum im Osten“ eliminiert werden. Stichwort Münchner Abkommen. In der Blickachse zur Musikhochschule entdeckt der Besucher Filmaufnahmen, die die Appeasementpolitik Großbritanniens und Frankreichs thematisieren: Unter Ausschluss der Tschechen – sie wurden in einem Hotel untergebracht –, schenkten im Herbst 1938 Daladier und Chamberlain Hitler das Sudetenland. Das Abkommen, vermittelt durch Mussolini, wurde im „Führerbau“ unterzeichnet. Sechs Monate später erklärte Hitler von der Prager Burg das Protektorat Böhmen und Mähren. Im September dann begann mit dem Überfall Polens der Zweite Weltkrieg.

Im Zentrum der Aufarbeitung stand Jahre lang der Holocaust an den Juden. Die Ausstellung macht deutlich, dass auch die ethnische Minderheit der Roma und Sinti von der NS-Diktatur unmenschlich verfolgt und ermordet wurde.

Zur Humanität erziehen


Wie im Falle der Juden haben sich auch im Fall der Sinti und Roma die Kirchen nicht unbedingt christlich gezeigt. Laut Professor Wilhelm Solms von der Gesellschaft für Antiziganismusforschung, fühlten sich die beiden Kirchen Deutschlands für Sinti und Roma nicht zuständig. 1832 verurteilt Papst Gregor XVI. Menschenrechte, die auch die Rechte ethnischer Minderheiten einschließen.
Einer, der sich von Anfang an für den Bau des Dokumentationszentrums eingesetzt hat, ist Max Mannheimer. Der 1920 in Nordmähren geborene Holocaust-Überlebende hat sich gegen das Vergessen, gegen das buchstäbliche Gras drüber wachsen (auf den Sockeln, den Orten der NS-Aufmärsche) engagiert. Sein Credo: „Man muss die jungen Leute zur Humanität erziehen. Die alten Nazis wird man nie ändern.“
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