Mensch nur Mittel zum Zweck

Das Rednerpult bei der DGB-Kundgebung zum 1. Mai gehörte diesmal keinem Gewerkschaftssekretär. Stattdessen sprach mit Richard Wittmann ein Vertreter der kirchlichen Seite. Für den Betriebsseelsorger war das nur logisch.

Erbendorf. (njn) Die Kirche verbinde viel mit den Gewerkschaften. "Vor allem geht es beiden um die Sorge der Menschen in der Arbeitswelt", erklärte Richard Wittmann aus Weiden im Gasthaus "Zum roten Roß". Dies zeigten die kirchlichen Aussagen zur Soziallehre und die evangelische Sozialethik. "Deutlich in den Ohren sind manchen noch die Worte von Papst Franziskus: ,Nein zu einer Wirtschaft, die tötet.'"

8,50 Euro noch zu wenig

Am Feiertag der Arbeitnehmer sollten sowohl die gewerkschaftlichen Errungenschaften als auch die Herausforderungen im Zentrum stehen. Grund zum Feiern gebe es beim Mindestlohn. Mit der Einführung sei zumindest ein weiterer Schritt zum gerechten Lohn getan worden. Wittmann schränkte aber ein, dass die 8,50 Euro noch viel zu wenig seien. Zudem dürften die gesetzlichen Rahmenbedingungen für den Mindestlohn nicht aufgeweicht werden.

"Gut dran ist derjenige, der einen festen und sicheren Arbeitsplatz gezogen hat." Fast 800 000 Arbeitnehmer seien Leiharbeiter, "obwohl es in vielen Betrieben brummt". Der Redner forderte daher Verbot für Werkverträge, wenn diese nur abgeschlossen werden, um Billigarbeit zu finanzieren. "Wichtig sind gut ausgebildete Beschäftigte, die mit Innovationen qualitativ hochwertige Güter produzieren und Dienstleistungen erbringen." Zu einer modernen Volkswirtschaft gehörten eben auch sichere Arbeitsplätze.

"Christen sind aufgefordert, dafür zu kämpfen, dass es gleiches Geld für gleiche Arbeit gibt." Selbst Papst Franziskus habe die schlechtere Bezahlung von Frauen als Skandal bezeichnet. "Die Benachteiligung von Frauen gefährdet die Stabilität von Familien." Wittmann kritisierte auch die Zunahme bei der Sonn- und Feiertagsarbeit. Rund 11 Millionen Arbeitnehmer seien hier betroffen, nicht nur bei der Polizei oder in Krankenhäusern, sondern vermehrt auch im Handel und in der Industrie. "Die Gier in dieser Richtung ist groß." Wittmann nannte als Beispiel eine Aussage des Kaufhof-Chefs, der den Sonntag gerne als regulären Einkaufstag sehe. Allerdings haben laut des Betriebsseelsorgers 82 bayerische Landtagsabgeordnete einen Kontrakt von Verdi und den Kirchen zur Beibehaltung des freien Sonntags unterschrieben. "Wenn Sie zu ihrer Unterschrift stehen, wird es zu keiner weiteren Aufweichung kommen."

Weiter sprach er die "ständige Rufbereitschaft von Arbeitnehmern, auch abends und an Wochenenden" an. Familien dürften sich nicht den wirtschaftlichen Sachzwängen der Wirtschaft unterordnen müssen. Hier bedürfe es mehr Modellen, wie Beruf und Familie vereinbart werden können.

Alarmierend sei auch die Zunahme der psychischen Erkrankungen aufgrund des steigenden Arbeitsdrucks, der Defizite bei Führungskräften und der Überwachung der Arbeitnehmer. "Das unerlaubte Ausspähen von Mitarbeitern hat Ausmaße angenommen, die erschreckend sind." Dies alles zeige, "welch abschätziges Menschenbild das marktradikale Wirtschaftsmodell in den letzten Jahren hervorgebracht hat". Der Mensch sei nur noch Mittel zum Zweck. Wittmann forderte eine Rückkehr zu "menschwürdigeren Arbeitsbedingungen und Führung".

Für Demokratie in Firmen

Ein Wort verlor Betriebsseelsorger Wittmann über die Mitbestimmung in den Unternehmen. Nur durch Betriebsräte komme auch ein Stück Demokratie in die Betriebe. In der Öffentlichkeit werde jedoch deren Arbeit viel zu wenig wahrgenommen.

Banken uneinsichtig

Zur Finanzwirtschaft merkte Wittmann an, dass die Menschen die tiefe Finanzkrise noch lange spüren. "Die Haltung bei den Banken und Wirtschaftsbossen hat sich aber nicht geändert", prangerte er an. Vieles verlaufe wieder in den alten Bahnen. "Geld muss den Menschen dienen, sie nicht regieren", forderte er.

Passend zu diesem Thema nannte Wittmann die Debatte über Flüchtlinge. "Die Flüchtlingsströme reißen nicht ab, weil die Menschen von Wirtschaft, Arbeit, Wohnung und Brot oft ganz bewusst ausgeschlossen werden." Er erinnerte an eine Uni-Vorlesung, in der ein Wirtschaftsdozent gesagt habe: "Vergessen Sie bei Investitionen Afrika, dort ist nichts zu verdienen." Das sei auch heute die Meinung der Wirtschaft.

Zweiter Bürgermeister Johannes Reger erachtete es für wichtig, am Tag der Arbeit über den Sinn der Arbeit nachzudenken. "Wir haben Glück, nach der Phase wirtschaftlicher Erholung viele neue Betriebe in der nördlichen Oberpfalz zu haben." Vor Ort sei dies auch im Gewerbegebiet zu sehen.

Reger griff die Frage auf, wohin die Arbeit in Zukunft gehe und wie sich die Strukturen entwickeln. Zur zunehmenden Digitalisierung der Arbeitsplätze stellte er fest, dass diese auch unangenehme Begleiterscheinungen habe. Als Schlagwort nannte er die Überwachung, vor allem der Arbeitnehmer.
Weitere Beiträge zu den Themen: Mai 2015 (7908)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.