Mini-Labor "Philae" meistert erste weiche Landung auf einem Kometenkern
Geschichte live aus dem Weltraum

Das Bild zeigt den Landeplatz «Agilkia» von «Philae» auf dem Kometen «67P/Tschurjumow-Gerassimenko». Es wurde am 14. Oktober 2014 aus einer Entfernung von 30 Kilometern aufgenommen. (Bild: ESA/Rosetta/MPS/dpa)
 
So sieht das Mini-Labor "Philae" aus. Am Mittwoch landete es auf einem Kometen. Dabei handelt es sich um den heikelsten Schritt der "Rosetta"-Mission. (Bild: J. Huart/ESA/dpa)
 
"Philae" ist für die Landung bestens gerüstet. (Grafik: dpa)

Am Mittwochnachmittag landete das Mini-Labor "Philae" der Raumsonde "Rosetta" auf einem Kometen - zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte. Die Spannung war wahnsinnig groß. Wir haben Hintergrundinfos gesammelt und zeigen, wie sehr das Internet mitfieberte.

Zehn Jahre saust die Weltraumsonde «Rosetta» schon durchs All, nun folgte der heikelste Schritt der Mission: Ein Mini-Labor landete am Mittwoch auf dem Kometen «Tschuri» (voller Name: «67P/Tschurjumow-Gerassimenko»). Es waren Stunden voller Unwägbarkeiten und Risiken. Die Wissenschaftler hoffen mehr darüber zu erfahren, wie unser Sonnensystem vor vielen Milliarden von Jahren entstanden ist.

Die Europäische Weltraumorganisation Esa bekam am Mittwoch (12. November) in Darmstadt zunächst das Signal für den Landevorgang von «Philae». Das Roboter-Gerät löste sich von «Rosetta», um am Nachmittag den Himmelskörper zu erreichen. Etwa sieben Stunden dauerte es, bis das Labor auf dem Kometen ankam.

Die Landung wird von der Esa als Meilenstein betrachtet. Manche Experten vergleichen das Manöver mit der Mondlandung 1969. Die Landung galt unter Experten als schwierig, unter anderem wegen der Bodenbeschaffenheit des Kometen.

Vergleich mit Mondlandung

Mehr als 6,4 Milliarden Kilometer hat "Rosetta" bereits zurückgelegt. Die Raumsonde war am 2. März 2004 mit einer Ariane-5-Rakete von der Weltraumstation Kourou in Französisch-Guayana gestartet, «Philae» huckepack dabei.

Im August schwenkte die Raumsonde in die Umlaufbahn des Kometen ein. Die Sonde begann, seine Oberfläche zu untersuchen und nach einem passenden Landeplatz für das Mini-Labor zu suchen. Die European Space Agency hat die "Rosetta"-Mission sowie die Vorbereitung auf die Landung in einem sehenswerten Video aufbereitet:


Landung heikelster Moment der zehnjährigen Mission

«Der heikelste Moment wird das eigentliche Aufsetzen des Landers auf der Kometenoberfläche sein», sagte Stephan Ulamec, der «Philae»-Projektleiter beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln. «Die Oberflächenbeschaffenheit des Kometen, das heißt seine Härte, ist bis zur Landung selbst noch unbekannt.» Nach der Landung soll Philae so schnell wie möglich mit Messungen beginnen.

Erste weiche Landung auf einem Kometenkern

Bei der Landung ist neben dem Esa-Satellitenkontrollzentrum sowie dem DLR auch die französische Raumfahrtagentur CNES im Einsatz - für die Wissenschaftler ein technisches wie logistisches Großereignis. Bislang ist zwar noch keine Sonde auf einem Kometen gelandet, die «Rosetta»-Mission erinnert aber an ein Projekt Japans: 2005 hatte die Weltraumsonde «Hayabusa» Bodenproben eines Asteroiden aufgenommen, fünf Jahre später landete sie wieder auf der Erde.

«Wir hoffen, dass «Tschuri» am 12. November nicht so aktiv ist und «Philae» landen kann», so Esa-Kometenexperte Gerhard Schwehm vor der Mission.

Schatztruhen für Astronomen

«Nach der Landung kommen dann unverzüglich der Reihe nach alle Instrumente zum Einsatz», ergänzt Ulamec. «Für unser Lander-Kontrollzentrum des DLR bedeutet das Schichtbetrieb rund um die Uhr.» Kometen gelten als Schatztruhen für Astronomen: Sie sind die wahrscheinlich ältesten weitgehend unveränderten Reste der gigantischen Staubscheibe, aus der vor 4,6 Milliarden Jahren unser Sonnensystem entstand.

«Rosetta» und vor allem «Philae» sollen mit zusammen mehr als 20 Instrumenten an Bord den Schweifstern genau analysieren. Etliche Messungen sind geplant, um möglichst viel über ihn und die Entstehung des Sonnensystems zu erfahren. Auch Hinweise auf die Entstehung des Lebens erhoffen sich die Forscher, etwa durch den Nachweis von organischen Molekülen wie Aminosäuren.

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Die Instrumente des "Rosetta"-Landers "Philae"



Der knapp einen Kubikmeter große «Rosetta»-Lander «Philae» wiegt rund 98 Kilogramm. Die zehn wissenschaftlichen Instrumente machen 27 Kilogramm aus. Eine besondere Herausforderung war das komplexe Landesystem mit Dämpfungsmechanismus, Eisschrauben und zwei Ankerharpunen. Sechs der Geräte an Bord entstanden unter deutscher Projektleitung:

«Cosac»: Das Gerät dient der Analyse von Gas aus erhitzten Bodenproben, vor allem zur Erkennung organischer Komponenten. (Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung(MPS)Göttingen)
«APX»: Das Alpha-Röntgenspektrometer misst die Zusammensetzung der Elemente im Oberflächenmaterial - fast baugleiche Geräte gibt es auf den Nasa-Marsrovern. (Universität Mainz, Max-Planck-Institut für Chemie (MPCh) Mainz)
«Rolis»: Die Panoramakamera soll Bilder vom Kometen machen, unter anderem von der Oberfläche unter dem Lander. (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) Berlin)
«Mupus»: Dies ist ein System aus Sensoren etwa für die Temperatur und einem Penetrator, der in den Kometenboden gehämmert wird und Aussagen über dessen Härte ermöglicht. (Universität Münster, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) Berlin)
«Sesame»: Das Instrument misst die elektrischen und mechanischen Eigenschaften der Kometenoberfläche über die drei Fußpaare des Landers. (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) Köln)
«Romap»: Das Experiment vermisst das Magnetfeld sowie die Plasmaumgebung des Kometen. (TU Braunschweig, Max-Planck-Institut für Extraterrestrische Physik (MPE) Garching)


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"Tschuri" sieht aus wie ein Quietsche-Entchen

Lange war fast nichts über «Tschuri» bekannt, erst die von «Rosetta» gelieferten Bilder brachten erste Details - etwa, dass die Form des Kometen der eines Quietsche-Entchens ähnelt. Mit einem Volumen von etwa 25 Kubikkilometern zählt er zudem zu den eher kleineren Kometen.

Anhand der Bilder wurde ein Landeplatz gesucht. Die Wahl fiel auf eine Stelle auf dem «Kopf» auf der sonnigen Seite des knubbeligen Schweifsterns - Solarzellenflächen sollen «Philae» mit Energie versorgen.

Erfolgschance: 50 Prozent

Von der Raumsonde "Rosetta" bis zum Kometen musste "Philae" rund 22 Kilometer bis zum Landeplatz, der den Namen «Agilkia» erhielt, zurücklegen. Das etwa kühlschrankgroße Mini-Labor glitt in rund sieben Stunden langsam herab - laut Ferri so gemütlich «wie ein Fußgänger». «Wir brauchen auch ein bisschen Glück», meinte Esa-Flugdirektor Andrea Accomazzo kurz vor der Mission.

Der Darmstädter Esa-Direktor für bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb, Thomas Reiter, hat den Erfolg der ersten Kometenlandung in der Geschichte der Raumfahrt auf etwa 50 Prozent geschätzt. «Man muss sagen, es ist schon mit gewissen Risiken behaftet. Wir sagen Fifty-fifty-Chance», sagte der Ex-Astronaut am Mittwoch im ZDF-«Morgenmagazin». Der Experte der Europäischen Weltraumorganisation Esa betonte: «Man muss sehr präzise navigieren in dieser unglaublichen Entfernung.»

Keine direkte Steuerung möglich

Direkt steuern ließ sich «Philae» während des Landevorgangs nicht: Es dauerte rund 28 Minuten, bis ein Signal von der Erde aus das Landegerät erreichte. Schon im Anflug fuhr der Lander seine drei Beine aus, an deren Ende kleine Eisbohrer sitzen.

Mit ihnen sollte er sich unmittelbar nach dem Bodenkontakt festkrallen. «Wichtig ist, dass er auch wirklich auf «Tschuri» bleibt», sagt Jens Biele vom DLR. Gegen 17 Uhr stand dann fest, dass die Mission geglückt ist.

Live im Internet verfolgen konnte man die Landung beim DLR (deutsch) oder bei der ESA (englisch):




"Philae" stirbt Ende 2015 durch Überhitzung

Ein Ende ist der spektakulären Mission allerdings bereits gesetzt. Da «Tschuri» immer weiter Richtung Sonne rast, wird es für das mitreisende Mini-Labor voraussichtlich im Dezember 2015 zu heiß. «'Philae' stirbt durch Überhitzung», so Biele.

Die von ihm geschickten Daten werden die Wissenschaftler noch lange danach beschäftigen. «Rosetta» selbst könnte die Sonnenpassage überleben und noch monatelang weiter um «Tschuri» kreisen.

Beeindruckend, spannend und bildgewaltig: Der Trailer "Landing on a comet" des DLR (englisch)







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