Mit der Siegesfahne

Ein halbes Jahrhundert schlummerte der gekreuzigte Heiland auf dem Dachboden der katholischen Pfarrkirche in Kohlberg. Dann wurde er wieder "zum Leben erweckt" - und mit ihm ein alter Brauch.

Die Grabesruhe Christi hatte vor Jahrzehnten in der Karwoche in vielen Kirchen ihren liturgischen Ort: das Heilige Grab. Wenn am Karfreitag nach der Kreuzverehrung und der Kommunionfeier der Hauptaltar abgeräumt wurde, legte man das Altarkreuz oder auch nur den Korpus des Kreuzes in ein Heiliges Grab, das an einem Nebenaltar oder in einer Seitenkapelle errichtet worden war. Der Gemeinde wurde sprichwörtlich vor Augen gestellt, dass Jesu Leib im Grabe lag.

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Die Monstranz im oder am Grab und eine brennende Kerze waren meist die einzigen Hinweise darauf, dass hier für Christus nicht die letzte Ruhestätte sein würde. Spätestens am Ostermontag sahen die Gläubigen dann in ein leeres Grab. Der Heiland thronte ein Stück oberhalb als Auferstandener mit der Siegesfahne in der Hand und oft von Engeln umgeben.

Dieses Heilige Grab sieht man heute kaum mehr in katholischen Kirchen. Auch figürliche und bildliche Darstellungen davon wurden nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) aus dem sakralen Gebrauch entfernt und vergessen. In einzelnen Orten in der Oberpfalz wie zum Beispiel in Grafenwöhr (dort seit 1708 urkundlich bezeugt) und Pleystein (1728 erstmals erwähnt), wird diese alte Sitte wieder gepflegt oder neu entdeckt, teilte Kreisheimatpflegerin Leonore Böhm mit. Im mittelfränkischen Virnsberg, einem wichtigen Stützpunkt des Deutschherren-Ordens hat man für die Darstellung sogar ein eigenes Gebäude errichtet, in dem das Kunstwerk das ganze Jahr über betrachtet werden kann. Auf vier Ebenen erreicht dort das prachtvolle Kulissengrab fast die komplette Raumhöhe. Schautafeln informieren über den Brauch.

In Kohlberg (Kreis Neustadt/WN) erinnerten sich nur wenige Gläubige daran, dass früher in der Karwoche ein Heiliges Grab im Turm der Herz-Jesu-Kirche aufgebaut war. Vor kurzem entdeckte man diesen sakralen Schatz auf dem Dachboden des Gotteshauses. Nahezu alle Teile hatten ein halbes Jahrhundert dort gut überstanden. Für Pfarrer Adam Nieciecki, Kirchenpfleger Leonhard Steinsdörfer, Mesner Konrad Bäumler sowie Rosi und Wilhelm Zwack war dies der Anlass, den Brauch im Ort wieder zu beleben.

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Wochenlang hingearbeitet

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Doch vorher musste die Holzfigur des Gekreuzigten, die Seitenumbauten und das Bild des Auferstandenen mit der Siegesfahne vorsichtig gereinigt werden. Schadstellen wurden von der Weidener Galerie Recknagel ausgebessert, eine Firnis-Schutzschicht aufgebracht und ein neuer Bilderrahmen gefertigt. Das Grabtuch und die seitlichen Vorhänge sind komplett neu. "Wir alle haben wochenlang darauf hingearbeitet. Aber das Ergebnis kann sich sehen lassen!", freut sich Wilhelm Zwack. Am sogenannten Drei-Hansen-Altar im rechten Kirchenschiff wird das Grab von Karfreitag bis Christi Himmelfahrt zu betrachten sein.

Wie entstand der Brauch, Grablegung und Auferstehung des Heilands bildlich nachzustellen? Dazu muss man bis in die Anfänge der Christenheit zurückgehen: Die Verehrung des Heiligen Grabes hat sich bereits im 4. Jahrhundert entwickelt. Neben dem Geburts- und Hinrichtungsort hat kein Ort die Christen im Heiligen Land mehr fasziniert als der Platz der Auferstehung. Schon vor dem Jahr 336 wurde über der vermuteten Grabstätte eine Art Kapelle errichtet. Jerusalem-Pilger bauten bald das Grab in Erinnerung an ihre Reise oder zur Unterbringung von mitgebrachten Reliquien in ihrer Heimat nach. Älteste bekannte Beispiele sind Sankt Stefano in Bologna, (um 450) und in Deutschland die Michaelskapelle in Fulda (822 geweiht). Auch in der Zeit der Kreuzzüge blühte die Grabesverehrung.

Aus den österlichen Wechselgesängen entstanden im 10. Jahrhundert szenische Darstellungen für die Gläubigen, die Vorläufer der Passions- und Osterspiele. In Süddeutschland gehörten seit dem 12. Jahrhundert bunte Glaskugeln dazu, sie galten als Sonnen- und Glückssymbol. Weil die Grabesruhe Jesu auf 40 Stunden berechnet wurde, entwickelte sich daraus das "Vierzigstündige Gebet", das sich später als "Ewiges Gebet" fortsetzte.

Die damals in der Regel lebensgroßen Figurengruppen wurden im Kircheninnern in Wandnischen oder frei vor dem Altar errichtet. Die Blütezeit der Mystik im 14. und 15. Jahrhundert trug noch zur Beliebtheit dieser Aufführungen und Darstellungen in der Osterwoche bei. Die Barockzeit entwickelte die mittelalterlichen Formen vor allem in Süddeutschland üppig weiter. Das Grab wurde mit Triumphbögen versehen, es geriet zunehmend zu einer Art pomphafter Theaterkulisse. Heute ist die Brauchtumsform der Darstellung des Heiligen Grabes weitgehend in Vergessenheit geraten.
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