Mit "Muddi" im Plattenbau

Gruppenbild vorm "Arbeiterschließfach": Schauspieler Charly Hübner (vorne rechts) als schüchterner Hausmeister Roger Müller und Christina Große als Ellen Bahlow (vorne links), dahinter die Schauspieler Barbara Philipp und Christop Jungmann. Der TV-Film "Anderst schön" erzählt anrührend von einer Romanze im Plattenbau. Bild: dpa

Liebesgeschichten im deutschen Fernsehfilm gibt es wahrlich zuhauf. Doch selten wird sie so langsam und zart erzählt wie in dieser Romanze. "Anderst schön" heißt der Spielfilm, der heute um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen ist.

Und natürlich wird darin am Ende alles gut - und wenn es dann doch nicht gut ist, dann ist eben noch nicht das Ende. Das klingt ebenso platt wie der Plattenbau, in dem das Geschehen spielt - ist aber doch ziemlich treffend und außerdem auch noch charmant.

Es war einmal ein Hausmeister, der lebte in einem Schloss und in unermesslichem Reichtum. Das erzählt er zu Beginn dem Zuschauer. Nur stimmt das nicht so ganz: Hausmeister ist er schon (noch), aber der Rest ist eher trostloser Plattenbau. Und der soll auch noch abgerissen werden. Und genau da, in einer Schweriner Platte, wohnt Roger Müller (Charly Hübner), der schon mit dem Ersatz einer einzelnen Badkachel ziemlich überfordert ist.

Das Meer vom Dach aus

Aber jeder Aushang im Treppenhaus muss von ihm genehmigt werden. Er kümmert sich um an die Wand gepinselte Hakenkreuze und ein paar Schafe, die er vor der angeblich drohenden Schächtung rettet und die ihr Dasein auf der Dachterrasse fristen. Und wenn der Wind günstig steht, dann kann man von da oben sogar das Meer sehen. Dummerweise steht er meist gar nicht günstig.

Natürlich ist Roger liebenswert und hilfsbereit und immer für alle Hausbewohner da, und das sind entweder übriggebliebene DDR-Anhänger oder gescheiterte Genies, ein paar wandmalernde Neonazis und ein schlitzohriger Döner-Verkäufer. Ach ja, und Rogers trinkfeste "Muddi" Katrin (Renate Krößner), die esoterisch angehauchte Nachbarin Hilde (Steffi Kühnert) und der ehemalige Geigenbauer Hermann Schröder (Hermann Beyer) gehören auch noch dazu. Und bald auch endlich seine ersehnte Traumfrau: Die Berlinerin Ellen (Christina Große) zieht nach der Trennung von ihrem Mann gemeinsam mit ihrer Tochter Jill (Emilie Neumeister) in das Haus an der Lessingstrasse 148 ein und übernimmt die leerstehende Eck-Kneipe.

Roger ist ein naiver Träumer und sicher nicht der Hellste, aber er hat einen wachen Blick und einen großen Wunsch: Er möchte sich verlieben. Charly Hübner (42) spielt diesen etwas tumben, aber sympathischen Mann einfach großartig. "Roger ist ein Mensch, dessen Heimatbegriff sich nicht aus unfassbar schöner Natur und Exklusivität speist, sondern aus seinem bisher gelebten Leben", sagte Hübner in einem Interview mit der ARD. "Sein Abenteuerspielplatz ist auch jetzt noch sein Platz. Er ist ein Kind geblieben im Herzen und im Leben. Ich mochte seinen Blick durch die Welt, mit Geschichten, die stimmen, als auch Geschichten, die fantasiert sind."

"Später is wieder jetzte"

Die sehenswerte Tragikomödie von Regisseur Bartosz Werner nimmt ihre Figuren ernst, sorgt für einige Wendungen und Verwirrungen und bietet vor allem ganz viel Herzenswärme. Die lebensnahe Geschichte um zwei einsame Herzen ist einfühlsam erzählt und hübsch gespielt.

Hinzu kommen ein paar treffende (für den Zuschauer eingeblendete) Handy-Nachrichten, die sich Roger und Ellen über eine Dating-App unbekannterweise gegenseitig schicken - wodurch sie sich immer besser verstehen und zunächst virtuell ineinander verlieben. Und es gibt einige sehr gelungene Dialoge aus der Feder von Autor Wolfgang Stauch: "Och Muddi, das is doch nur wegen jetze." - "Ja, und später is auch wieder jetze."

Ganz nebenbei räumt Werner noch mit dem Mythos Plattenbau auf. Von vielen Menschen im Westen geschmäht, liebten die damaligen DDR-Bürger diese Miethäuser aus vorgefertigten Betonelementen geradezu. Die Wartezeit für ein sogenanntes "Arbeiterschließfach" mit Heizung und Einbauküche war ähnlich lang wie für einen Trabbi, aber mit einer solchen Wohnung war auch ein gewisses soziales Prestige verbunden. So ist es wohl gewesen, ob schöner oder auch nicht. Oder anders gesagt: Schön ist es auch anderswo, doch hier bin ich ja sowieso.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.