Mit zwei Reisepässen

Als Professor für Biblische Archäologie erforscht Wolfgang Zwickel die Welt, in der einst die Bibel entstand. Bei seinen Grabungen muss er ständig Rücksicht auf den modernen Nahostkonflikt nehmen.

Ins Flugzeug steigen oder nicht - Wolfgang Zwickel steht wieder einmal vor einer schweren Entscheidung. Der Mainzer, Jahrgang 1957, lehrt an der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität Biblische Archäologie und plant zurzeit die nächste Grabungssaison. Ob die stattfindet, hängt von der Situation im Nahen Osten ab. Eigentlich wollen die Deutschen im israelischen Jaffa klären, wann das antike, von ägyptischen Besatzern gebaute Stadttor zerstört wurde. "Es kann immer mal wieder Luftalarm geben", sagt Zwickel. Jaffa selbst sei zwar relativ sicher. Anders sei dies aber bei anderen, abseits gelegenen Grabungsstätten, die nicht mehr vom israelischen Raketenabwehrsystem geschützt würden.

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Die erste gemeinsame deutsch-palästinensische Grabung im Westjordanland hatten die Mainzer wegen der zweiten Intifada (2000-2005) abbrechen müssen, ein anderes Projekt nahe der Grenze zum Libanon wurde aus Sicherheitsgründen eingestellt. Auch die Staatsgrenzen und diplomatischen Verstrickungen sind Hürden für die Forschungsarbeit: Zwickel war früher stets mit zwei Reisepässen und auf Umwegen über Zypern unterwegs, damit arabische Grenzer keine israelischen Stempel im Pass finden konnten.

Dennoch: In den vergangenen Jahren haben die Mainzer Archäologen mit Partnern vor Ort eine ganze Reihe von Grabungen ausgeführt. Sie konnten die Siedlungsgeschichte rund um den See Genezareth rekonstruieren und fanden dabei viele Belege dafür, dass zur Zeit des Neuen Testaments rund um den See Fischersiedlungen entstanden waren. Zur Römerzeit sei der See, laut biblischer Überlieferung Schauplatz vieler Episoden des Neuen Testaments, eine "Boomregion" gewesen, sagt Zwickel. In Kinneret legten die Archäologen die Überreste einer der einst größten Städte Palästinas frei.

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Nicht nur einen Gott

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Anhand einer Vielzahl von Schmuckamuletten in Form ägyptischer Gottheiten konnten Zwickel und seine Kollegen nachweisen, dass keineswegs alle Menschen im alten jüdischen Israel nur einen Gott anbeteten. Bei ihrem möglicherweise spektakulärsten Fund aus Yavne bei Tel Aviv entdeckten sie große Mengen an Räuchergefäßen, in denen Menschen aus dem geheimnisvollen Volk der Philister einst Stoffe verbrannten, die Halluzinationen hervorriefen.

Manchmal klingt Wolfgang Zwickel ein wenig frustriert darüber, welche seiner "Fachkollegen" es in die internationale Presse schaffen: Viele Zeitungen und Sender interessierten sich nur für Funde, bei denen es mehr Spektakel als spektakuläre Ergebnisse vorzuweisen gebe: "Wenn Sie sagen, dass Sie das Haus von David, Jesus, Salomo gefunden haben, kommen sie damit auf die Titelseiten", seufzt der Mainzer, "die Bundeslade oder Noahs Weinkeller - so etwas verkauft sich immer." In ultrafrommen jüdischen und christlichen Kreisen gebe es sogar Mäzene, die Forscher gezielt für deren Suche nach derlei Beweisen für die Wahrheit der Bibel sponsern.

"Ich kann beweisen, dass es das Jerusalem der Zeit Jesu gegeben hat, aber ich kann nicht beweisen, dass Jesus über das Pflaster gelaufen ist, weil er keine Fußspuren hinterlassen hat", stellt Zwickel klar. "Ich kann auch die Auferstehung nicht beweisen, aber, dass damals ein Glaube an die Auferstehung aufkam." Denn erst nach der Zeitenwende hätten die Menschen in Israel damit begonnen, Wert auf eine dauerhafte individuelle Bestattung zu legen. Viele seiner Forschungsergebnisse stünden nicht im Widerspruch zur Bibel, sagt Zwickel. Für seine Arbeit blieben Altes und Neues Testament ohnehin die zentralen Texte, denn abgesehen von der biblischen Überlieferung gibt es nur verhältnismäßig wenige schriftliche Quellen über die Geschichte der Region.

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Bibel und Homer

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Als im Europa der Barock-Zeit das Interesse an alter Geschichte und Archäologie entstanden, gab es zunächst zwei zentrale Quellen: Die Bibel und den Dichter Homer. Mit allen Regionen westlich von Troja beschäftigte sich in der Folge die "Klassische Archäologie", während die östlich gelegenen Länder zum Forschungsobjekt der "Biblischen Archäologie" wurden. Mittlerweile konzentrieren sich biblische Archäologen ganz auf die "biblischen Länder" im engeren Sinne, auf Israel und Palästina, den Libanon, Südsyrien und die Sinai-Halbinsel. In Mainz gehört das Fach nicht zu den Historikern, sondern ist an der evangelisch-theologischen Fakultät angesiedelt.

Für die Interpretation der biblischen Texte sei es von zentraler Bedeutung, ihre Entstehungsgeschichte zu kennen, sagt Zwickel. So sei die Landnahme Israels vermutlich erst rund 600 Jahre nach dem Ereignis niedergeschrieben worden. Dies ist so, als würde ein moderner Historiker aus dem Gedächtnis mündliche Erzählungen aus dem Mittelalter aufzeichnen - ohne Zugriff auf Bibliotheken und Internet, versteht sich.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.biblische.archaeologie.uni-mainz.de
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