Mord kurz vor der Befreiung

Bürgermeister Josef Hörl. Repro: bk

Der 20. April 1945 ging als finsterer Tag in die Chronik von Kaltenbrunn ein. Die Nazis rächten sich brutal am Bürgermeister, der den Abbau von Panzersperren angeordnet hatte.

(bk) Die Älteren im Markt erinnern sich noch mit Schrecken an die Hinrichtung des verdienstvollen Bürgermeisters Josef Hörl, der 1933 ins Amt kam und zwölf Jahre später im Alter von 48 Jahren von einem SS-Mann erschossen wurde.

Unter dem Thema "Tod eines Bürgermeisters" hat Tobias Bock - sein Vater stammt aus Kaltenbrunn - in einer 23-seitigen Facharbeit im Leistungskurs Geschichte am Stiftland-Gymnasium Tirschenreuth das tragische Geschehen jener Tage nachgezeichnet.

Mit Unterstützung von Augenzeugen schilderte er die Situation in den letzten Kriegstagen so: Während all der Kriegsjahre waren in Kaltenbrunn Soldaten einquartiert. Im Winter 1944/45 bis zur Kapitulation ist es eine SS-Einheit. Durch die Präsenz der Schutzstaffel ist jedem bewusst, bei vielen verbunden mit Angst und Ungewissheit, bei einigen immer noch mit überzeugter Entschlossenheit, dass nach dem Befehl des Führers die Verteidigung jedes Ortes zwingend ist. "Die meisten von uns haben befürchtet, dass sich ein tödlicher Granatenhagel entladen könnte, wenn die SS beim Auftauchen der amerikanischen Panzer zu schießen anfängt", sagte Bocks 2001 verstorbene Oma Anna.

Angst vor Plünderern

Anfang April werden auf Anordnung von oben beim Ortseingang an der Grafenwöhrer Straße und an der Freihunger Straße Panzersperren errichtet. Sie wachsen sich bei unmittelbaren Anwohnern mehr zu Zeichen der Bedrohung als zu solchen des Schutzes aus. Auf das benachbarte Grafenwöhr fallen bereits Bomben.

Die Panzersperren werden Tag und Nacht vom Volkssturm bewacht. Aufgrund von Abmachungen vernünftiger Männer lässt sich folgern, dass die Kaltenbrunner nicht an aktive Verteidigung ihres Ortes denken. Offensichtlich suchen die Verantwortlichen also nur der unberechenbaren SS gegenüber, den Schein zu wahren. Viele Bewohner verbergen ihre Wertsachen, Wäsche, Kleidung und Lebensmittel in Kellern oder vergraben sie auf ihrem Grundstück, um sie vor einem möglichen Brand oder vor Plünderung zu schützen.

Die Wacheinteilung für die Panzersperren wird jeden Tag in der Schreibstube vorgenommen. Dabei sagt Bürgermeister Hörl zu den Männern: "Lasst's mir ja die Panzersperren steh'n! Das kostet mir sonst meinen Kopf." Bange wartet man auf das Anrücken der Amerikaner. Als diese am 19. April Grafenwöhr einnehmen und am 20. April ihr Vorrücken durch Kaltenbrunn zu erwarten ist, zieht sich die einquartierte SS-Einheit noch am selben Abend in Richtung Hirschau zurück.

Fanatische Führertreue

Nur ein SS-Soldat bleibt in der Schreibstube im "Goldenen Anker" zurück. Noch in der Nacht drängen die Anwohner der Panzersperre an der Grafenwöhrer Straße die Volkssturmleute hartnäckig, das Bollwerk abzureißen. "Es war die Angst, dass unsere Häuser bei der Räumung der Sperre durch die Amis beschädigt oder gar zerstört werden." Nach langem Bitten geben die Wachleute, fast ausnahmslos alte Männer, nach.

Wenig später kommen einige junge Frauen zur Schreibstube und rufen dem SS-Soldaten zu: "Hau doch ab, die Panzersperre haben's auch schon abgerissen!" Sofort erstattete der Wachhabende dem Divisionsstab in Hirschau Meldung. Gegen 4 Uhr am Morgen kommen 20 SS-Leute. "Sie haben sofort die Schreibstube des Volkssturms besetzt. Dort haben sie die Liste der Wachverteilung mit den Namen gefunden", erzählte der damals 16-jährige Hans Harrer, der 2004 starb. Unverzüglich startet die SS eine fieberhafte Suche. Die Männer finden den 70-jährigen Landwirt Karl Krauß, der sich nicht wie alle übrigen im Wald versteckt hatte. Sie wollen ihn sofort erschießen. Auf inständiges Flehen seiner Frau, dass bereits zwei Söhne im Krieg gefallen seien, lässt die SS letztlich von ihm ab. "Die Szene spielte sich in unserem Hof unmittelbar an der Panzersperre ab", erinnert sich noch gut die heute 80-jährige "Posthalter-Anne", die Nichte des Bürgermeisters.

Hinrichtung unter Vorwand

Erst jetzt macht man Bürgermeister Hörl, der vom Abreißen der Panzersperren nachweislich nichts gewusst haben kann, da er sich ja sonst auch versteckt hätte, dafür verantwortlich. Er läuft der SS in die Arme. "Wir, der Rest vom Volkssturm, mussten uns vor der Schreibstube aufstellen. Die SS drohte uns, den Bürgermeister und den ganzen Volkssturm zu erschießen, wenn wir nicht innerhalb einer Stunde die Panzersperre wieder aufgebaut haben. Wir haben sofort, ungefähr um 5 Uhr, mit den Arbeiten begonnen", erzählt Hans Harrer.

Wenig später veranlassen ein SS-Leutnant und mehrere Untergebene Josef Hörl, mit ihm von der Panzersperre aus vom Ort in Richtung Siedlung zu gehen. Als Vorwand dienen eine Lagebesprechung und ein Verteidigungsplan gegen die Amerikaner.

Täter ohne Gnade

"Jetzt wolln's mich erschießen!", ruft der verzweifelte Mann, der die Situation durchschaut, als ihm seine Schwägerin, die Hebamme Elisabeth Bayer - sie hatte am selben Tag Rudi Fischer ins Leben geholfen - entgegenkommt. Schließlich befindet sich Hörl mit den SS-Leuten etwa 150 Meter außerhalb links am Straßenrand, fast vor dem Gebäude der Sandwäscherei, als seine Schwiegermutter Kunigunde Wittmann auf die Gruppe zugelaufen kommt. Sie bittet auf Knien um das Leben des Vaters von drei Kindern im Alter von zehn, fünf und vier Jahren. Vergebens: Man droht ihr selbst mit dem Erschießen. Hörl bittet um ein Gespräch, doch schon setzt einer von der SS ihm die Pistole auf die Brust und drückt kaltblütig ab. Der noch lebende 84-jährige Zeitzeuge Schorsch Tafelmeyer sah als 14-jähriger Bub vom Fenster seines Elternhauses Josef Hörl blutend am Boden knien. "Die SS hatte sich schon etwas entfernt. Als sich einer von ihnen nochmals umdrehte und bemerkt hat, dass Hörl immer noch am Boden kniet, ist er umgekehrt und hat ihn durch einen zweiten Schuss von hinten ermordet. Das war gegen halb sechs."

Am Vormittag wird der erschossene Bürgermeister von Ludwig Luber auf einem Pferdefuhrwerk nach Hause gebracht. Die jüngste Tochter Rosmarie Wagner erinnert sich noch gut an die Aufbahrung im Zimmer. "Wir Kinder hatten auch in den Tagen danach noch Angst."

Sinnloser Widerstand

Noch am frühen Nachmittag des 20. April rückten die Amerikaner, nachdem sich die SS nicht mehr hatte blicken lassen, kampflos in Kaltenbrunn ein. Das wiedererrichtete Bollwerk ging beim Kontakt mit dem ersten Panzer zu Bruch. Aus fast allen Häusern hingen weiße Tücher als Zeichen der Übergabe. Eine später von den Amis gestartete Untersuchung nach Identität und Verbleib der Mörder blieb ohne Ergebnis. Wären sie einige Stunden früher in Kaltenbrunn eingerückt, hätte Hörl überlebt.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/kriegsende
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