Mulmiges Gefühl in LA

Dieter Beer kontrolliert einen Stoffballen vor dem Versand.

Selbst hat die Tuchfabrik Mehler noch keinen Oscar bekommen. Hollywoods Kostümbildner schätzen die Qualität, die das Tirschenreuther Traditionsunternehmen produziert. "Grand Budapest Hotel" wurde jüngst mit der begehrten Statue für das beste Kostümbild ausgezeichnet.

Das war bereits der zweite Oscar (Academy Award), den Kostümbildnerin Milena Canonero mit Stoffen von Mehler gewann. Den ersten bekam sie 2006 für die Kleidung in "Marie Antoinette". "Duell - Enemy at the Gates" von 2001 und "Stalingrad" von 1993 sind weitere Blockbuster, in denen die Protagonisten und Statisten Tuche und Stoffe von Mehler trugen. Für den neuen Star-Wars-Streifen haben die Produzenten vor einem Monat Stoffmuster angefordert. Möglich, dass die Sternenkrieger im siebten Teil Uniformen aus Mehler-Fabrikation tragen.

Natürlich freuen sich die Geschäftsführer Paulus und Ludwig Mehler, die das Unternehmen in der elften Generation leiten, über solche außergewöhnlichen Erfolge. "Vom Prestige her ist das freilich schön, vom Umsatz aber zu vernachlässigen", sagt Paulus Mehler. "Wir haben in früheren Zeiten relativ viel für Hollywood gemacht." Heutzutage spare auch die Filmindustrie. So kämen für Stoffe, die für Massenauftritte gebraucht werden fast immer die Chinesen zum Zug, die zu einem Bruchteil des hiesigen Preises produzieren könnten.

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"In Los Angeles hatten wir einen Kunden, der viel für die Filmindustrie gekauft hat", sagt Paulus Mehler. Eines Tages zahlte der nicht mehr und der Geschäftsführer wurde mit zwei Mitarbeitern, ohne Vorwarnung, in dessen Wohnung vorstellig. "Ein mulmiges Gefühl hatten wir schon, als wir um 23 Uhr in der fremden Gegend einfach anrückten. Aber es hat sich gelohnt. Wir verließen das Haus mit einem 10 000 Dollar-Scheck. Tags darauf zickte die Bank, bei der wir ihn einlösen wollten. Ich sagte, wir gehen erst wieder wenn wir unser Geld in Händen haben. Das war nach einer Stunde der Fall."

Als Milena Canonero den Oscar für das beste Kostümdesign überreicht bekam, erlebte die Textilingenieurin Edith Mehler quasi live vor dem Fernseher mit. Den ersten für "Marie Antoinette" bekam die Firma gar nicht mit. "Das liegt daran, dass wir normalerweise an Großhändler liefern. Einer davon sitzt in Polen im ehemaligen Posen und der beliefert auch die Filmwirtschaft. Von ihm erfahren wir, wenn unsere Stoffe auf den Brettern, die die Welt bedeuten, präsentiert werden", sagt Paulus Mehler. Stoffe von Mehler sind nicht nur in Hollywood ein Begriff.

Auch an den Theatern in Deutschland und Europa sind die Spezialisten bestens bekannt. Das eigentliche Spezialgebiet ist die Lodenstoffherstellung. Loden produziert Mehler für moderne und für traditionelle Bekleidung, wie urbayerische Trachten oder Uniformen für die Schweizer Garde. Neben Lodenstoffen ist das zweite Standbein die Herstellung von Uniformstoffen für Behörden. Bei Uniformkleinserien an Vereine ist die Tirschenreuther Tuchfabrik der Marktführer im deutschsprachigen Raum.

Die Faschingsgesellschaft Tursiana Tirschenreuth, die Blaskapellen Tirschenreuth, Bärnau, Falkenberg und Großkonreuth, sind regionale Kunden auf diesem Sektor. Geordert werden die Vereinsuniformstoffe bei überregionalen Vereinsausstattern in Aschaffenburg, Mönchengladbach oder Köln. Das Endprodukt, das Mehler liefert, ist immer der Stoffballen mit 1,5 Meter mal 50 Meter. 400 Tonnen Wolle verarbeitet Mehler jährlich zu Garn. Zwei Drittel davon werden am Standort Forst hergestellt. Ein Drittel sind Kammgarne für Anzugsstoffe, die zugekauft werden.

Etwa 5000 Farben weist der Fundus auf. Wenn die gewünschte nicht dabei ist, kein Problem. "Wir machen jede Farbe", sagt Paulus Mehler. Vor zwei Jahren hat der Tuchfabrikant ein Hochregallager mit Unterstützung der IGZ in Falkenberg gebaut. Darin sind 500 000 Meter Loden und Tuche gelagert.

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Theater in Shanghai

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40 Prozent gehen in den Export, davon wiederum 90 Prozent innerhalb Europas. Der größte Abnehmer ist Österreich, gefolgt von Holland und Schweden. Neu dazugekommen ist Kanada. Dort werden hochwertige Tuche und Stoffe als Interieur zum Beispiel in noblen Hotels verbaut.

Dazu zählen Wandverkleidungen, Vorhänge, Bettüberwürfe oder Sitzbezüge. Shanghai hat ein Theater mit 4500 Metern edlen Mehler-Tuches ausgestattet. Im Vorjahr konnte die Tuchfabrik noch einen Großauftrag mit Russland abwickeln. Die Ukraine-Krise beendete die Beziehung von heute auf morgen.

"Das ist trotzdem kein Problem für uns", sagt Mehler. "Wir setzen auf Nischenprodukte und schnelle Lieferbarkeit und machen uns niemals abhängig von einzelnen Großfirmen. Wir haben die technischen Möglichkeiten so ausgebaut, dass wir maßgeschneidert produzieren und Prozesse eigenständig steuern können. Wir sind ein kleiner Betrieb mit sehr flexiblen Strukturen. Zehn Monate der Jahresproduktion liegen auf Lager. Das sind die Voraussetzungen, dass wir immer sofort reagieren können. Wir machen alles, was technisch irgendwie möglich ist: Kleinstaufträge - kein Problem. Wir fühlen uns auch als Manufaktur. Wir sind für alles offen und haben aus diesen Gründen eine sehr breite Kundenstruktur. Von den 700 Stammkunden kaufen manche vier Mal am Tag. Wir sind nicht ganz billig, aber wer bei uns landet, der bleibt."

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Forst und Tirschenreuth

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Aktuell beschäftigt die Tuchfabrik Mehler 72 Mitarbeiter am Standort Tirschenreuth und 40 in Forst. Mehler fertigt komplett von der Schafwolle bis zum fertigen Stoff. Als der Standort Forst vor zehn Jahren dazukam, galt er als modernste Streichgarnspinnerei in Europa. Dort wird die Wolle zum Garn verarbeitet. Ab der Weberei sind alle weiteren Fertigungsschritte in Tirschenreuth.

(Interview auf der Wirtschaftsseite)

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.mehler-tuchfabrik.de/
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11335)Mai 2015 (7904)
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