Museum Lothar Fischer in Neumarkt widmet sich Werken des deutschen Expressionismus
"Malen bis zur Raserei"

Glanzstücke der Ausstellung sind die Gemälde von Gabriele Münter. Ihre in der Umgebung von Murnau entstandenen Bilder zeichnen sich durch geniale Vereinfachung aus. Münters Werke werden international im hohen sechsstelligen Bereich, teilweise schon siebenstellig, gehandelt. Bilder: Fütterer
 
Das teuerste Werk der Ausstellung ist das "Spanische Mädchen" von Alexej Jawlensky (1912). Um das Bild gruppieren sich (von links) der Vorsitzende der Lothar-und-Christl-Fischer-Stiftung, Heiko Graeve, Neumarkts Oberbürgermeister Thomas Thumann, Museumsleiterin Dr. Pia Dornacher und der Vorsitzende des Museums-Fördervereins, Arnold Graf.

Von den Nazis einst als entartete Kunst ausgesondert und an den Pranger gestellt, bildet der deutsche Expressionismus mit seinem unverwechselbaren, prägenden Stil heute ein epochales Herzstück der Moderne in der Malerei. Das Museum Lothar Fischer in Neumarkt zeigt eine spannende Werkschau der bedeutendsten Künstler: ein berührendes Geschenk für die Region.

Viele Kunstfreunde kennen das großartige Buchheim-Museum am Starnberger See. Die Sammlung der Peter-und-Gudrun-Selinka-Stiftung in Ravensburg steht diesem Niveau nicht nach. Dank der Verbindung von Dr. Pia Dornacher, Leiterin des Museums Lothar Fischer in Neumarkt, kam nun in der Oberpfalz eine einmalige wie vielfältige Expressionismus-Werkschau mit 30 repräsentativen Exponaten zustande.

Die Wertigkeit der Kunst definiert sich nicht immer, aber doch häufig über den Preis. Selten dürfte eine Ausstellung in der Oberpfalz solch eine Millionen-Euro-Dimension aufgewiesen haben: Gabriele Münter, Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Otto Mueller oder Schmidt-Rottluff erzielen auf internationalen Auktionen Höchstpreise. Die Verantwortlichen des ambitionierten Museums Lothar Fischer hüllen sich auf Nachfrage in beredtes Schweigen ... Der immaterielle Wert und die tiefe Emotionalität der Werke senden nicht minder eine intensive Strahlkraft aus, deren Empfänger die faszinierten Betrachter sind. Verblüffung. Neugierde, Bewunderung und Erstaunen wecken die Bilder auch 100 Jahre nach ihrem Entstehen.

Der Not gehorchend

Von der Bandbreite der Motive und der Maltechnik abgesehen: In diesen damals - gerade für junge avantgardistische Künstler - meist kargen Zeiten dienten Pappe und (Mal-)Karton, Kohle, Tusche, Kreide und Farbstifte, mehr der materiellen Not gehorchend, als Mal-Utensilien. Öl auf der klassischen Leinwand bekleidete einen Luxus-Ausnahme-Standard. Es gibt jedoch keine Regel ohne Ausnahme: Erich Heckel versuchte sich bereits 1903 in der schwierigen Technik des Linolschnitts. Auch seine Farbholzschnitte haben Charme.

Diese Vielfalt der Materialien fasziniert nicht minder wie die bis zum Exzess getriebene Reduktion, das Spiel mit der Verfremdung der Farben und Formen, die Abstrahierung und das gleichzeitige Festhalten am Gegenständlichen, das beispielsweise die hoch geschätzte (und gehandelte) und deshalb häufig Raub-kopierte Gabriele Münter an den Tag legt. Die mit Wassily Kandinsky verbandelte Malerin besuchte übrigens 1903 die oberpfälzische Künstler-Enklave Kallmünz. In der Riege der Expressionisten fehlt vor allem Max Pechstein: Nur deshalb, weil ihm die Selinka-Stiftung in ihrem modernen Kunstmuseum im Zentrum von Ravensburg demnächst eine eigene Ausstellung widmen wird.

Im Büro Rockefellers

Hingucker der Ausstellung ist das vom russischen Expressionisten Alexej Jawlensky gestaltete Bild "Das spanische Mädchen". Der vor wenigen Jahren verstorbene Kunst-Mäzen Peter Selinka, so die Geschichte, erwarb das kostbare Gemälde in den 80er Jahren von einem Rockefeller-Erben in New York. Dort schmückte es das Büro des Tycoons, dessen Frau mit dem Bildnis der spanischen Schönheit (sinnliche Lippen und Wangen) angeblich nie richtig warm werden konnte. Ach ja, die Expressionismus-Ikonen Ernst Ludwig Kirchner (Credo: "Malen bis zur Raserei") und Erich Heckel produzierten mit Kohle und Tusche eine Reihe erotisch inspirierter Zeichnungen, die bei relativ dusterer Beleuchtung in einer Ecke des Museums recht verschämt vor sich hin wirken. Selbst Neumarkts Oberbürgermeister Thomas Thumann nahm den freizügigen Sidekick entspannt auf. Dr. Pia Dornacher erkennt in der sitzenden Heckel-Muse Fränzi sogar Einflüsse von Gustav Klimt und Egon Schiele.

Wie der sprichwörtliche "rote Faden" zieht sich die Affinität der Expressionismus-Protagonisten zur Münchener Künstler-Vereinigung der "Blaue Reiter". Der Kreis schließt sich hier wieder zu Lothar Fischer, der 1957 den Verbund die "Spur" mitbegründet hat. Die Ausstellung lohnt nicht nur einen Abstecher, sondern einen Umweg nach Neumarkt.
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