Nach Attentaten: "Es war wie tot"

Am Freitagabend saßen wohl viele Schwandorfer vor dem Fernseher und freuten sich auf das deutsch-französische Freundschaftsspiel in Paris. Doch der Fußball geriet zur Nebensache, von den Attentaten sind viele geschockt.

"Der Neue Tag" sprach mit zwei jungen Menschen, wie sie den Freitagabend in Frankreich erlebt haben. Marie Rioux (ihren richtigen Namen möchte sie lieber nicht in der Zeitung lesen) stammt aus Schwandorfs Partnerstadt Libourne und wohnt seit zwei Monaten in der Pariser Banlieue. Da vieles in der französischen Hauptstadt für die 24-jährige Psychologin und ihren Verlobten neu ist, gehen sie an den Wochenenden oft mit Freunden aus. "Wir besuchen gerne Cafés, Bars und Restaurants. "

Am Freitagabend saß Marie mit ihrem Verlobten im Zug von Paris nach Bordeaux, wo Marie studiert hat. Von den Ereignissen haben sie erst bei der Ankunft in Bordeaux erfahren. Ein Freund ihres Verlobten rief an - die beiden Männer sitzen oft zusammen im Stadion.

Bei Attentat im Stadion

"Die Nachrichten haben uns geschockt", sagt Marie. Mit Freunden geht sie gerne rund um die Place de la République aus. "Am Wochenende zuvor waren wir dort im Theater", erinnert sich Marie. Sie denkt, "es hätte uns genauso treffen können". Die junge Frau rief eine Freundin an, die in Paris unterwegs war und blieb mit ihr in Kontakt, bis sie zuhause ankam. "Ich hatte sehr große Angst um sie", gibt Marie zu.

Aus nächster Nähe erlebte Jonathan Fasel die Ereignisse am Freitagabend. Zusammen mit seinem Freund Claude saß der gebürtige Münchner im Stadion. Anfangs herrschte "friedliche Stimmung", dann hörte der junge Mann die erste Detonation - die Fans haben gejubelt, sie dachten, ein Böller sei gezündet worden. Doch Jonathan sah nirgendwo Rauch aufsteigen. Dann der zweite Knall. "Der ging durch Mark und Bein", so der 31-Jährige, der im Presseteam der Europäischen Strombörse arbeitet und seit einigen Jahren in Paris lebt. Der dritte Knall in der Halbzeit - da war Jonathan klar: Etwas ist passiert.

In der zweiten Halbzeit kreisten Hubschrauber über dem Stadion. "Irgendetwas läuft hier nicht richtig", dachte er. In der 70. Spielminute erhielt der Wahl-Pariser eine Nachricht und sein besorgter Vater rief an. Der Fußball geriet in den Hintergrund, die meisten Zuschauer starrten auf ihre Handys.

Beim Abpfiff konnten Jonathan und Claude das Stadion sofort verlassen. Draußen hatte sich bereits eine Menschenmenge versammelt. "Und dann gab es einen kurzen Moment der Panik", so der junge Mann. Einer in der Menge schrie: "Zurück!" - und die Leute rannten los. Fehlalarm.

Jonathan und Claude nahmen den RER-Zug vom Stadion in die Stadt und erfuhren unterwegs von den Schießereien. An der Gare du Nord stieg Jonathan in die Metro um. Statt durch den Hauptausgang zu gehen, nutzte er Alternativen, hielt Ausschau nach möglichen Verstecken. Sechs Minuten musste er auf die Metro warten - und hatte Angst.

"Gesunde Balance finden"

An der Haltestelle Pigalle holte ihn sein Mitbewohner ab. Normalerweise ist es ein sehr belebtes Viertel, doch "es war wie tot", so Fasel. Bis 4 Uhr hat Jonathan die Nachrichten verfolgt, mit Familie und Freunden telefoniert. "Rückblickend haben wir Glück gehabt", sagt er.

Der 31-Jährige empfindet diese Attentate ganz anders als bei Charlie Hebdo im Januar, die Gewalt sei nun viel willkürlicher gewesen. "Wir müssen eine gesunde Balance finden und lernen, mit der Angst der Bedrohung umzugehen", meint er und ist zuversichtlich, dass das normale Leben irgendwann weitergehen wird. Marie ist jetzt vorsichtiger. Statt in Kneipen will die Psychologin künftig lieber Freunde zu Hause besuchen. "Unsere Generation ist nicht mehr so sorglos wie die unserer Eltern", findet sie.
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