Nachruf Der Mann aus Suleyken

In seinem 1988 - einem Jahr vor dem Mauerfall - verfilmten Roman "Heimatmuseum" hat Siegfried Lenz eine Metapher für das gefunden, was er mit seinem über 60-jährigen literarischen Schreiben selbst auf beeindruckende Weise realisiert hat: nämlich einen Ort zu schaffen, in dem die verloren gegangene Heimat aufgehoben ist.

Im Roman zündet der von Lenz erfundene Teppichweber Zygmunt Rogalla am Ende das von ihm geschaffene Heimatmuseum, in dem alles aufbewahrt wird, was einmal das Leben im ostpreußischen Masuren ausgemacht hat, eigenhändig an, weil er befürchtet, seine Sache könnte von revanchistischen Vertriebenen-Kreisen so instrumentalisiert werden, wie er das nie wollte.

Siegfried Lenz musste solche Befürchtungen nicht haben. Dazu war sein Standpunkt in all den Jahrzehnten viel zu klar und eindeutig. Freilich, er trauerte seiner alten Heimat nach, jenem ostpreußischen Lyck, in dem er 1926 geboren worden war. Als Siebzehnjähriger musste er als Soldat zur Marine, und als der Krieg dann vorbei war, war auch die Heimat verloren.

In "So zärtlich war Suleyken", seiner ersten Buchveröffentlichung von 1955, imaginierte er einen wehmütigen Nachruf auf diesen magischen Landstrich im Osten des heutigen Polens, das Buch wurde sogleich ein Riesen-Erfolg. Und dennoch verlor Siegfried Lenz nie Ursache und Wirkung aus dem Auge, dass nämlich die Vertreibung nur eine Konsequenz der mörderischen Expansionspolitik der Nazis war.

Folgerichtig daher, dass er ein unbedingter Parteigänger Willy Brandts wurde und nicht nur - zusammen mit Günter Grass, Heinrich Böll und anderen - Wahlkampf für ihn machte, sondern ihn auch 1970 nach Polen begleitete, wo es bei der Unterzeichnung der Warschauer Verträge zum so symbolträchtigen Kniefall des deutschen Bundeskanzlers vor dem Ehrenmal des Ghettos kam.

Lenz hat alle wichtigen politischen Debatten der Nachkriegsrepublik begleitet - etwa den Protest gegen den Nato-Doppelbeschluss -, obwohl er sich im Grunde immer als eine "Ein-Mann-Partei" empfand.

Im Roman "Die Deutschstunde" prägte er mit dem Charakterbild eines ja nur seinen Dienst und seine Pflicht erfüllenden Dorfpolizisten, der das von Nazis verhängte Arbeitsverbot für einen an Emil Nolde angelehnten Maler zu überwachen hat, den Prototypen des willigen Befehlsempfängers. Nicht nur Generationen von Deutschschülern prägte dieser Roman, er wurde, wie andere Erfolgsbücher des Autors auch, in über 30 Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft.
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11335)Oktober 2014 (9309)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.