Nürnberger Spielzeugmuseum präsentiert Bären, Teddys und Autos aus der Nachkriegszeit
Armut bereichert die Fantasie

Hans Kanz, Vater von neun Kindern, baute dieses Auto aus einem Stück Brennholz ("Holzscheidauto") Anfang der 1950er Jahre. Daneben ein strohgeflochtener Puppenwagen für die kleinen Mütter aus dem Jahre 1945. Bilder: Kusch
 
Das rot-gelbe Puppensofa und den Stehtisch mit der Uhr bastelte Günter Schaffert für seine kleine Schwester Renate im Jahr 1947.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Spielzeugproduktion allmählich eingestellt. Kinder und Eltern bauten sich schließlich selbst Spielsachen aus Munitionshülsen und Fallschirmseide, aus Holzresten oder Blechdosen. Das Nürnberger Spielzeugmuseum verbindet nun Geschichte mit Geschichten.

Not macht erfinderisch. Diese alte Weisheit gilt vor allem für die Zeit des Krieges und danach. "Schon 1943 durfte in Deutschland per Gesetz kein Spielzeug mehr industriell hergestellt werden", verdeutlicht Karin Falkenberg. "Der Rüstungsbetrieb ging vor", fügt die Leiterin des Spielzeugmuseums in Nürnberg hinzu. Doch der Mangel regte die Fantasie von Vätern und Müttern an. Sie bastelten für ihre Kinder Puppen aus alten Lumpen, Pfeifen aus Patronenhülsen oder ein Flugzeugspiel aus einem Gasmaskenfilter. "Notspielzeug" nennt man diese Gegenstände, die in der Zeit zwischen 1943 und dem Ende der 1950er Jahre in mühevoller Handarbeit entstanden sind.

"Erste Bürgerausstellung"

"Notspielzeug. Die Fantasie der Nachkriegszeit" so lautet der Titel einer bezaubernden Ausstellung, die bis 1. Februar 2016 in Nürnberg zu sehen ist. Es handelt sich dabei um die "erste Bürgerausstellung", informiert Falkenberg. Nach einem Aufruf in den Medien meldeten sich rund 170 Menschen, die das Kriegsende als Kind erlebt haben und ihr Notspielzeug über Jahrzehnte aufbewahrt hatten. Die Leihgaben und Schenkungen, die aus ganz Deutschland eingingen, überstiegen sämtliche Erwartungen. Die Exponate bieten nicht nur historische Einblicke. Sie sind auch ganz persönliche Zeugnisse für das Leben in den damaligen Familien, man könnte auch sagen: eine in spielerische Fantasie gekleidete Biografie.


Da ist zum Beispiel die Geschichte von Elisabeth Hamel und ihrer "Fetzenpuppe". Neben ihrem Foto hängt ein erklärender Text: "Meine Mutter hat mir die Puppe genäht, und vermutlich hat meine Oma beim Nähen etwas geholfen." Die Arme und Beine sind aus Bettbezügen genäht, innen befindet sich eine wärmende Mischung aus Stroh, Watte und Pferdehaar. "Ich finde die Fetzenpuppe sehr schön, weil sie ganz einfach ist und zugleich so fröhlich in die Welt schaut", ist Elisabeth, Jahrgang 1952, zitiert. In einer weiteren Vitrine blickt den Besucher ein Teddy an. "Brummhilde" heißt er, genäht wurde er aus einer US-amerikanischen Militärhose, die Traudl Weigands Vater organisiert hat.

"Organisiert" ist ein Schlüsselwort dieser Sonderschau. Die Materialien wurden getauscht, geklaut, geschenkt oder gehandelt. Blechdosen, Dachlatten, Fahrradspeichen oder kleine Rollmops-Stäbchen wurden ebenso zweitverwertet wie ausrangierte Fallschirmseide oder ganze Flugzeugtanks. Verblüffend sind die technisch ausgereiften und kunstvollen Handwerksleistungen, von denen die Werke zeugen. Komplette Eisenbahnanlagen und funktionierende Puppenherde sind hier ebenso zu finden wie blinkende und sich drehende Karussells oder imponierende Riesenräder.

Verbeulter Flugzeugtank

Blickfänger der Ausstellung ist ein fast zwei Meter langes Paddelboot, das aus einem verbeulten Flugzeugtank besteht. "Solche Boote waren damals weit verbreitet", erklärt Falkenberg. Fotos zeigen Kinder, die mit den ungewöhnlichen Gefährten auf Pegnitz, Nidda, Mangfall und anderen Flüssen unterwegs waren. "Die Dinger waren fürchterlich kipplig, die haben sich gedreht wie eine Wurst", beschreibt die Museumsleiterin. Ein Riesenspaß für die Kinder. Berührend ist die Geschichte eines kleinen Jungen, der einen Bombenangriff im Luftschutzkeller abwartete. Sein Stiefvater konnte aus den Trümmern des komplett zerstörten Hauses nur noch ein rotes Feuerwehrauto retten.

Welchen Wert das selbst gemachte Spielzeug für viele Familien hatte, zeigt ein Puppenhaus, das eine alleinstehende Mutter 1944 für ihre Tochter baute. Die handgemachten Puppenmöbel waren ihr während der Bastelstunden so ans Herz gewachsen, dass sie das Inventar bei jedem Bombenangriff mit in den Luftschutzkeller nahm. Andere, zum Überleben wichtigeren Gegenstände blieben dafür in der Wohnung zurück.

Mit Gefühlen behaftet

Hinter diesen Objekten offenbaren sich Momente, die mit vielen Gefühlen behaftet waren. "Von der Decke ragen Dachlattenkonstruktionen in den Ausstellungsraum hinein. Die Zwischenwände zwischen den Vitrinen der Ausstellung "zitieren" insbesondere den Wohnraummangel nach 1945."

Die Ausstellung im Nürnberger Spielzeugmuseum verbindet Geschichte und Geschichten. Das ausgestellte Notspielzeug offenbart eine zutiefst menschliche Sehnsucht nach Vertrautem und nach dem Glück des Friedens. Bezeugt werden die wiedergewonnene Freiheit und die Chancen der wilden Nachkriegsjahre. Die Kinder von einst mögen heute ergraute Senioren sein, ihre Erinnerungen an Puppen, Bären, Feuerwehrautos oder Holzfiguren sind jedoch taufrisch - als wäre es erst gestern gewesen. Und wer doch einiges vergessen hat, diese Ausstellung hilft der Fantasie auf die Sprünge.
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