Oberarzt schöpft Verdacht

Tag 3 im Prozess gegen Steffi D.: die Erste Strafkammer des Landgerichts als Schwurgericht (von links) mit Schöffe Michael Meier, den Richtern Markus Fillinger, Walter Leupold und Dr. Marco Heß sowie dem zweiten Schöffen Siegfried Janner. Bild: Huber

"Ärztetag" im Prozess gegen die 21-jährige Mutter, die des Totschlags an ihrem Neugeborenen angeklagt ist: Vor der Ersten Strafkammer am Landgericht Weiden sagen am Montag Gutachter und Mediziner des Klinikums Weidens aus. Fazit: Am Ende war es dem leitenden Oberarzt für Geburtshilfe, Dr. Karlheinz Mark, zu verdanken, dass die Tötung des Babys überhaupt aufflog.

Weiden/Neustadt/WN. (ca) Zwei Krankenschwestern und eine Hebamme berichten, wie sie Steffi D. am Samstagmittag, 25. April, im Klinikum in Empfang genommen hatten. "Fertig, heulend" und mit Flecken auf der Jeans, so die Hebamme. Eine "authentische Verfassung" nach einer Fehlgeburt. Auf Nachfrage habe die Patientin einen Abgang auf der Toilette geschildert. Gewebestoffe oder einen Embryo habe sie dabei nicht gesehen.

Zeuge in Karibik

Nach den Untersuchungen, auch per Ultraschall, wurde der Arzt, ein Freiberufler auf Honorarbasis, misstrauisch und vermutete eine erfolgte Geburt weit nach der 24. Woche (also keine Fehlgeburt mehr). Der Vorgesetzte, den er zu Rate zog, teilte seine Zweifel nicht. Der aufmerksame Belegarzt kann am Montag nicht selbst gehört werden: Er ist als "Arzt ohne Grenzen" in Aruba. Seine Aussage gibt Ermittlungsrichter Hubert Windisch wieder.

Am Montag, 27. April, erfuhr Oberarzt Dr. Mark von der rätselhaften Patientin, als er sich das Wochenende berichten ließ. Er untersuchte die junge Frau selbst und kam zu dem Schluss: "Die Veränderungen am Geburtskanal sprachen dafür, dass hier ein größeres Kind geboren worden war." Ein Abort war "nicht glaubhaft". Er versuchte wiederholt, mit der 21-Jährigen zu reden, "ob sie uns nicht etwas zu sagen habe".

Nach Rücksprache mit der Frauenarztpraxis von Steffi D. war endgültig klar: Hier muss eine Geburt im Endstadium einer Schwangerschaft erfolgt sein. Nur: Wo war das Baby? "Wir haben vorsichtig versucht zu klären, wo das Kind verblieben ist", berichtete der Leiter der Geburtshilfe. "Wir mussten zunächst selbst mit der Situation fertig werden." Zugleich schaltete er die Polizei ein.

Mit seinem Anruf löste der Oberarzt die polizeiliche Suche nach dem Baby aus. Zwei Kripobeamte schildern vor Gericht, wie sie "Schicht für Schicht" den Müll im Container im Hof des Supermarktes abtrugen. Aufgrund des Gewichts schlug einer der Beamte bei einem blauen Müllsack Alarm und sollte Recht behalten. Der äußere Beutel war offen, drinnen lag ein weiterer verknoteter Sack. "Da kam der Säugling zum Vorschein."

Die Notärztin aus Neustadt untersuchte den kleinen Leichnam am Tatort. "Die Mundhöhle war komplett mit Papier ausgefüllt, so dass da mit Sicherheit nichts daran vorbeikommen konnte." Das Kind wirkte auf sie "voll ausgetragen".

Babys empfinden Schmerz

Hat so ein Neugeborenes das gleiche Schmerzempfinden wie ein größeres Kind oder ein Erwachsener? Dieser Frage nimmt sich Prof. Dr. Wolfgang Rascher, Chefarzt der Kinderklinik Erlangen, an. Seine eindeutige Antwort: "Ja." Und diese Antwort hat eine leidvolle Vorgeschichte. Bis in die 80er Jahre habe man in der Kindermedizin angenommen, dass Säuglinge Schmerzen nicht so stark empfinden. Aus diesem Grund seien Babys bei Eingriffen oft nicht narkotisiert, sondern nur ruhig gestellt worden. "In den 90ern kam dann eine Arbeit heraus, die die ganze Welt aufgeschreckt hat." Man gab Neugeborenen bei den Operationen zusätzlich Schmerzmittel und stellte fest, dass sich in ihrem Blut deutlich weniger Stresshormone bildeten. Fazit: "Es war eine Irrmeinung, dass Neugeborene weniger empfinden."

Wie lange musste das Neugeborene leiden? Dazu wird Prof. Dr. Peter Betz vom Institut für Rechtsmedizin Erlangen befragt. Den Beweis, dass das Kind gelebt hat, liefert Luft im Magen-Darm-Trakt. Nach Abschneiden der Luftzufuhr vergehen nach Einschätzung von Betz etwa "30 Sekunden bis zu einer Minute" bis zur Bewusstlosigkeit, nach etwa drei Minuten tritt der Hirntod ein. Den Tod durch Ersticken schätzt der Rechtsmediziner als "eines der unangenehmsten Dinge ein, die es gibt".
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