Öko-Bohème auf dem Vormarsch

Landwirtschaft im früheren Ostblock, das war meist Agrarindustrie, LPGs, Chemie. Auch im heutigen Tschechien tut man sich noch schwer, wenn man auf den kleinen Straßen bei Tachov einen der riesigen Mähdrescher überholen muss. Aber die Kleinbauern sind auf dem Vormarsch.

Das Wort Ökologie haben wir nicht gekannt", sagt Iveta Churavá, studierte Agrarökonomin und Inhaberin einer Filiale der alternativen Lebensmittelkette "Grunt". Aber die 50-jährige Geschäftsfrau ist auf dem Land aufgewachsen - auf einem kleinen Bauernhof: "Eine Kuh, ein Schwein, ein paar Hühner." Die ländliche Prägung setzt sich in der Schule fort: "Die Eltern entschieden, dass mein Bruder und ich eine Landwirtschaftsschule besuchen sollten - ich mit Schwerpunkt Wirtschaft, er Pflanzenwissenschaften." Die logische Konsequenz: "An der Karls-Universität in Prag entschied ich mich für Ökonomie mit Schwerpunkt Agrarwirtschaft."

Es folgen einige berufliche Umwege, aber die Landwirtschaft fehlt Churavá, trotz einer Bilderbuchkarriere in der Industrie. Innerhalb von sieben Jahren schafft sie den Aufstieg zur Generaldirektorin beim Betonhersteller Best. Aber sie fühlt sich ausgebrannt. "Der Aufstieg war anstrengend, und als Frau ist das ja mit Familie immer eine Doppelbelastung." Zurück zu den Wurzeln: "Ich wollte einfach nur noch gesunde Lebensmittel verkaufen - eine Marktlücke in Tschechien."

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Böhmische Spezialitäten

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Da sie nicht nur Idealistin, sondern auch erfolgreiche Kauffrau ist, überlegt sie genau, was bei den Tschechen gut ankommt: "Klar, man kann sich französische oder italienische Delikatessen in den Laden holen", sagt sie. "Ich wollte mich aber auf unsere regionalen Spezialitäten fokussieren - gesunde Lebensmittel ohne Konservierungsmittel und Fleischabfallprodukte." Sie macht sich auf die Suche nach einem Großhändler, der sie mit Bauernprodukten aus der Tschechischen Republik beliefern kann. Das Unternehmen "Grunt" (Anmerkung der Redaktion: alter tschechischer Begriff für Bauernhof, wahrscheinlich vom deutschen "Grund" abgeleitet) ist der einzige Vertrieb, der das von Prag aus leistet. "Die kleineren Bauern sind nicht imstande, selbst anzuliefern."

Die drei Grunt-Gesellschafter, selbst keine Landwirte, gründeten die alternative Kette vor fünf Jahren. Der erste Laden entstand in Prag, es folgten ein Franchisesystem, das derzeit 30 Läden beliefert. "Das Ziel sind 50 Läden in Tschechien", sagt Churavá, die jetzt auch noch über das Angebot nachdenken muss, ins zentrale Management zu wechseln. "Eine schwere Entscheidung, stöhnt die Westböhmin. "Einerseits reizt mich die Aufgabe, andererseits bin ich gerne nahe bei meinen Kunden."

Aufmerksam wurden die Prager auf die Quereinsteigerin, weil Churavá prominente und originelle Produzenten an Grunt bindet - ein Name wie ein Lexikon: Jaroslav Franz von Assisi Klemens Alois Gabriel Eleonnora Josef Anton Johann Bosco Joachim Felix Maria Lobkowicz, böhmischer Hochadel, Top-09-Politiker und Unternehmer stellt in seinem restituierten Schloss Krimice mit großer Begeisterung Kraut nach alter Tradition her: "Fußgestampft in Holzbottichen". Churavá überzeugt den Präsidenten der "Alliance française" in der Tschechischen Republik - jetzt beliefert er die ganze Grunt-Kette mit dem bayerisch-böhmischen Grundnahrungsmittel.

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Umwandlung der LPGs

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Große Agrarunternehmen prägen noch immer zu rund 90 Prozent die tschechische Landwirtschaft. Die kleineren Bauern stellen mittlerweile einen Anteil von etwa zehn Prozent. "Viele Tschechen wollten nach der Wende zunächst Geld verdienen", erklärt Churavá den langsamen Strukturwandel. "Die Landwirtschaft schien da nicht der schnellste Weg." Einige LPGs wurden zu Aktiengesellschaften oder Genossenschaften umgewandelt, nur wenige Landwirte bekamen nach der Restitution Land zur Bewirtschaftung zurück. "Bauernhöfe aus der Zeit vor der Kollektivierung, gab's ja nicht mehr", sagt sie, "man konnte also höchstens Wälder und Wiesen, vielleicht mal einen Bulldog oder Geräte bekommen."

Ein Sonderfall ist der Bauer aus Benesov bei Prag, natürlich auch Grunt-Lieferant. "Er bekam 80 Kühe und hatte kein einziges Gebäude", erzählt Churavá. "Er musste einen Kuhstall bauen, verschuldete sich." Aber was ein echter böhmischer Dickschädel ist, der sagt sich, "jetzt erst recht". Unzufrieden mit den Molkereien, die seine Milch nicht schonend genug pasteurisieren, baute er sich selbst eine. Das gleiche Muster bei den Müllern: "Auch mit der Verarbeitung des Getreides ist er unzufrieden, also muss eine eigene Mühle her."

Und so ging der Mann endgültig Pleite? Von wegen. "Nein, zum Glück nicht", lacht die Lebensmittelhändlerin, "er ist nicht nur ein Idealist, sondern hat auch noch eine großartige Ausdauer." Zusammen mit seinen Geschwistern lernte er in Frankreich und Italien, die Kunst, ganz besondere Käsesorten herzustellen. "Der überlebt, weil er alles mit Herzblut macht", outet sie sich als dessen größter Fan.

"Solche Produkte kann ich mit Überzeugung verkaufen." Ein Grund dafür, warum sie die meisten ihrer Hersteller selbst besucht: "So kann ich ihre Geschichte meinen Kunden erzählen." Zusammen mit einer Journalistin auch in der kleinen Zeitung "Bauernzeit".

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Adresse: Na Roudné 105/1, Pilsen,E-Mail: plzen-roudna@nasgrunt.czTelefon (00420-603) 226 682.
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