Oliven aus eigenem Hain

Peccorino, Salami, selbst gebackenes Weißbrot und ein Schoppen: Unter den weit ausladenden Ästen alter Bäume könnte die mittägliche Vesperpause bis in den Abend hinein dauern.

Die grüne Oase der Ruhe und des köstlichen Gaumengenusses liegt abseits einer schmalen Landstraße. Nahe der italienischen Stadt Varezzo hat sich ein Familienunternehmen zu einem zwischenzeitlich europaweit bekannt gewordenen Erzeuger von Bio-Weinen entwickelt. "La Vialla" heißt der Betrieb und täglich kommen die Gäste in Scharen.

Wie es eben mitunter so ist am Land: Plötzlich springt ein Gockelhahn auf den blau-weiß gedeckten Tisch. Zwar wird er unverzüglich weggescheucht, doch zuvor kräht der prächtig gefiederte Geselle so laut, dass man es auch unten an der Einfahrt noch hört. Von dort aus drängen Autos zu den Parkplätzen. Das Navi hatte sie richtig zum Ziel geführt: Fattoria "La Vialla" an der Via di Meliciano im italienischen Castiglion Fibocchi. Mitten in der Toskana, 20 Kilometer von der Stadt Arezzo entfernt.

"Wir machen hier alles selbst und erzeugen ausschließlich Bio-Produkte", sagt Julia. An diesem Tag ist sie die Fremdenführerin durch einen Betrieb, den zwischenzeitlich Gäste aus ganz Europa besuchen. Oft mehrere Hundert am Tag. Denn "La Vialla" und die Art, wie dort im Einklang mit der Umwelt gearbeitet wird, hat zwischenzeitlich einen Ruf erlangt, der selbst in höchsten Weinkenner-Kreisen bestens ist. Einer von vielen Beweisen: Beim Wettbewerb "Mundus Vini" bekam das Unternehmen heuer den Titel "Bester Bio-Erzeuger des Jahres." Julia und weitere 200 Mitarbeiter haben drei Chefs. Es sind die Brüder Gianni, Antonio und Bandino Lo Franco, die "La Vialla" und damit satte 1300 Hektar Landfläche von ihren Eltern übernahmen. Dabei liegen ihre Blicke nicht nur auf dem Weinanbau. Die Lo Francos haben sich auch noch mit vielen anderen Produkten Freunde gemacht und einen Kundenkreis geschaffen: Olivenöl, Essig, Schafskäse, Nudeln, Saucen und süßes Gebäck.

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Wer "La Vialla" besucht, bekommt Toskana-Feeling pur. In einer alten Steinmühle werden die Oliven aus dem eigenen Hain gepresst. Ein Schäfer kümmert sich um seine riesige Herde und sorgt dafür, dass aus ihrer Milch die Peccorino-Laibe geformt werden. Viele davon reifen ein ganzes Jahr lang, ehe sie in ebenso harten wie köstlichen Scheiben auf den Tisch kommen.

Von Mönchen haben die Lo Francos eine Mehlmühle erhalten. Andere hätten sie weggeworfen, auf "La Vialla" entsteht durch sie der Grundstoff für köstliche Kekse, die gleich neben der Mühle gebacken werden. "Man sollte sie in süßen Wein, den Vin Santo, tauchen", empfiehlt Julia. Ansonsten muss der menschliche Kiefer schon kräftig zupacken, um die mit Mandeln angereicherten Knusperstücke zu zermahlen. Was zurück bleibt, ist ein Geschmack, der lange zum Gaumengenuss gereicht. Es ist warm geworden an diesem Sommertag. Die Mittagshitze flirrt. Ein Pfau schlägt sein Rad, Perlhühner schnattern, Eidechsen sind blitzschnell unterwegs und der Gockel ist bestrebt, dass seine Hennen nicht aus der Reihe tanzen. Zeit zur Jause auf einem Hof, der keine unfreundlichen Leute kennt. Auch die Preise sind freundlich. Der spritzige Rosée unter den weit ausladenden Ästen uralter Bäume kostet fünf Euro pro Flasche.

Mit ihm zusammen bringt Julia auch die Vesperplatte. Salami und Peccorino, Schüsselchen mit Mus aus Tomaten, Spargel und Knoblauch, im Haus gebackenes Weißbrot und ein Salat aus dem eigenen "La Vialla"-Garten, der sich droben am steilen Hang unweit der Weintanks befindet. Reicht für zwei Personen, kostet 7,80 Euro. Ein betagter Fiat-Lieferwagen, gleich neben den Brotzeittischen plaziert, weist den Weg hinauf ins kleine Büro. Dort gibt es Antwort auf Fragen. Zum Beispiel: "La Vialla" versorgt Bauernhof und Weingut komplett mit Strom aus einer Photovoltaik-Anlage und es hat eine Pflanzenkläranlage, mit der das Wasser wieder aufbereitet wird.

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Wie ein Gemälde

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An manchen Abenden gibt es ein Dinner, bei dem sich die Tische unter der Last hausgemachter Speisen und Getränke biegen. Die Lo Francos geben es für Gäste, die in den zum Unternehmen gehörenden Ferienhäusern wohnen. An der Tafel schweift der Blick weit hinaus auf eine Landschaft, die sich in der Dämmerung wie ein Gemälde ausnimmt und die Olivenbäume zu bizarren Gebilden mutieren lässt. Irgendwann nach diversen Schoppen kommt dann ganz gewiss auch die Rede auf den Wein, seine durchaus zivilen Preise und die vielen Auszeichnungen, die seit 1978 nach Castiglion Fibocchi gingen. Und es gibt Überlegungen, ob man nicht doch noch ein Stück von diesem unglaublich guten Peccorino nehmen sollte.
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