Omas Geheimnisse

Seit meiner Kindheit habe ich immer gern unseren großen Zoo besucht, ohne aber bestimmte Tiere in mein Herz zu schließen. Das änderte sich an dem Tag, an dem ich Peggy kennenlernte.

Die fest angestellte Tierpflegerin fütterte die ihr anvertrauten Riesenschildkröten so liebevoll, dass ich mir auch einen Panzer wünschte, um unter seinem Schutz stressfrei durch das Leben wandeln zu können. Fast neidisch hörte ihre zärtlichen Rufe - "Komm, Mäuschen!" - und sah sie mit einem großen Salatblatt appetitanregend wedeln.

___ ___

Als ich es endlich geschafft hatte, Peggy zu einer Cola in der Zoo-Cafeteria einzuladen, sprach sie nur von ihren Tieren und schwärmte von den Wundern der Natur, zum Beispiel den Elefanten-Rüsseln, den Giraffen-Hälsen und den Koala-Beuteln. Ich verstand nur nicht, was sie mit Evolution meinte.

Doch diese Frage verschob ich auf später, als sie meinem Vorschlag zu einem gemeinsamen Wochenende rasch zustimmte. Und bald erlebte ich glücklich den Tag, an dem sie mich das erste Mal "Mäuschen" nannte. Mein Junggesellen-Panzer wurde in ihren Händen butterweich, wenn man das so sagen darf.

Zur Freude unserer Eltern entschieden wir uns zu einer richtigen Verlobung. Bei dieser Feier lernte ich auch Peggys uralte Großeltern kennen. Die hatten beide ihr Leben lang im Zoo gearbeitet. Zu vorgerückter Stunde nahm mich Großmutter Elli, die kräftig angeheitert war, beiseite und verriet mir ein Geheimnis: "Weil unsere Tiere immer reichlich frisches Gemüse und Obst und gesundes Körnerfutter bekamen, haben mein Wilhelm und ich uns immer an den Mahlzeiten unserer Tiere beteiligt. Da war nix Kriminelles dran. Diese Nahrung war doch so gesund und deshalb sind wir wahrscheinlich so schön alt geworden. Merk dir das für Peggy und dich."

___

Gemüse gegen Geld

___

Fassungslos fragte ich meine Frischverlobte noch vor dem Einschlafen: "Teilst du dir auch das Tierfutter mit deinen Schildkröten?" Da hörte ich ihr Lachen, das ich so mochte: "Du Ärmster, immer wenn meine Oma etwas zu viel gesüffelt hat, denkt sie sich wilde Geschichten aus. Davon stimmt überhaupt nix."

Natürlich glaubte ich voller Erleichterung meiner zukünftigen Ehefrau. Ich gebe aber zu, dass ich sie öfter zum Wochenmarkt begleite und voller Freude sehe, wie Peggy frisches Gemüse und Obst einkauft - und auch bezahlt.
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11335)April 2015 (8563)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.