Panik im Keim ersticken

Entwarnung aus berufenem Munde: Roland Ganzmann, Petra Frohnhöfer und Dr. Klaus Nester (von links) klären auf über professionelle Hygiene im Krankenhaus. Bilder: Gebhardt (2)

Krank in die Klinik, noch kränker heraus? Multiresistente Keime sind im Vormarsch, der Missbrauch von Antibiotika in Medizin und Tierhaltung begünstigt dies. Muss der Patient sich jetzt vor dem Krankenhaus fürchten? Hygienefachleute haben eine verblüffende Erklärung für die Fälle.

(ge) "Gefährliche, multirestistente Krankenhauskeime (MRSA) fordern viele Todesopfer" - diese alarmierende Meldung ging auch durch unsere Zeitung. Wie steht es im St.-Anna-Krankenhaus mit der Vorsorge? Als einzige Klinik in der Nordoberpfalz kann es einen Rückgang der Fallzahlen bei Keim-Infektionen verzeichnen, und zwar um acht Prozent. Was steckt dahinter? Die SRZ sprach mit den Verantwortlichen über die Gründe: Roland Ganzmann, stellvertretender Vorstand, Ärztlicher Direktor Dr. Klaus Nester und Hygienebeauftragte Petra Frohnhöfer gaben Auskunft.

SRZ: Herr Ganzmann, wie sehen Sie die aktuelle Situation?

In der Öffentlichkeit kommen diese Meldungen doch sehr pauschal herüber und erwecken einen falschen Eindruck. Man könnte meinen, die Krankenhäuser infizierten ihre Patienten reihenweise mit Keimen. Dabei ist genau das Gegenteil richtig. Fragen Sie beim Gesundheitsamt nach tatsächlichen MRSA-Infektionen, die übrigens von den Kliniken gemeldet werden müssen, dann werden Sie feststellen, dass schwerwiegende MRSA-Erkrankungen nur Einzelfälle sind.

Viele Patienten haben zwar diese Keime, aber sie sterben nicht daran. Dass viele Patienten grundsätzlich auch nur eine MRSA-Besiedlung ohne Krankheit mitbringen und keine eigentliche derartige Erkrankung aufweisen, wird in der aktuellen öffentlichen Berichterstattung meist ebenfalls völlig außer Acht gelassen.

Wie sieht die Praxis im St.-Anna-Krankenhaus aus?

Es geht bei uns streng nach Vorgaben des Robert-Koch-Institutes: Alle Patienten, die in die definierten Kategorien fallen, werden bei Aufnahme extra getestet, mit Abstrich und Laboranalyse.

Was kommt dabei heraus?

Fast alle Patienten bringen schon Keime mit - von Zuhause, aus anderen Einrichtungen. Das ist völlig normal, schließlich besiedeln MRSA-Keime bei vielen Menschen ständig die Hautoberfläche, wo sie normalerweise keinen Schaden anrichten.

Aber nehmen wir die durchschnittlich 1000 Patienten, also etwa 12 Prozent unseres Jahresaufkommens an stationären Aufnahmen, die bei uns nach den Koch-Richtlinien extra untersucht werden: 2013 fanden sich darunter ganze 62 "Positive", von denen wiederum 58 die Keime schon vorher hatten. Lediglich bei vier von 1000 vermerkten wir also, dass die Keime nach drei Tagen im Krankenhaus festgestellt wurden. Und selbst dann kann es sein, dass sie doch von außen gekommen sind.

Was macht Sie so sicher?

Unsere Hygienemaßnahmen. Wir haben eine eigene Hygienekommission, in der neben dem Ärztlichen Direktor auch ein Arzt für Krankenhaus-Hygiene aus Nürnberg mitarbeitet. Zwei Hygiene-fachkräfte in St. Anna und St. Johannes haben eine zweijährige Zusatzausbildung abgeschlossen. Zwei Ärzte sind zusätzlich mit dem Thema befasst: Oberarzt Thomas Rauner hier im Haus und Dr. Milos Kapko in Auerbach. Dann gibt es auf jeder Station meist zwei Hygiene-Beauftragte. Schon seit Jahren erfüllen wir die Vorschriften und gehen sogar darüber hinaus. Ständige Schulungen sind bei uns Standard.

Gibt es lokale Besonderheiten?

Natürlich. So hat bei uns jede Abteilung ihr eigenes, integriertes Reinigungspersonal, das sämtliche Feinheiten kennt. Nichts wird fremdvergeben, alles bleibt unter Kontrolle. Auch bei der Aufbereitung der Krankenhausbetten verlassen wir uns nicht auf Arbeitskräfte einer Fremdfirma, sondern vertrauen auf unsere eigene Waschanlage. Die beansprucht zwar die mit Elektronik ausgerüsteten Betten und verringert ihre "Lebensdauer", doch wir erzielen letztlich verlässlichere Ergebnisse als mit der "Putzlappen-Methode."

Wie bemerkt der Besucher Ihr Engagement?

Zum Beispiel hängen überall Vorrichtungen zum Desinfizieren der Hände, in jedem Zimmer, am Aus- und Eingang. Der Verbrauch an Desinfektionsmittel steigt stetig, ein gutes Zeichen.

Wir haben auch fünf Informations-Flyer aufgelegt, in denen Patienten und Besucher alles über MRSA-Bakterien, Erreger, Noroviren und entsprechende Hygienetipps erfahren.

Sehen Sie einen Erfolg?

Der bundesweite Kennzahlenvergleich aus dem Nationalen Referenzzentrum ermittelt für Kliniken unter 400 Betten einen durchschnittliche Quote von 10,57 Prozent vermutlich im Krankenhaus erworbener MRSA-Besiedlungen, 89,43 Prozent werden mitgebracht.

Im St.-Anna-Krankenhaus liegt die Quote der hier erworbenen Besiedlungen deutlich niedriger (6,45 Prozent). Darauf sind wir stolz, auch im Hinblick auf unsere Patienten.
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