Pilsen auf der Jazz-Weltkarte

Jazz-Organisator Ivan Slabý hat seinen Humor noch nicht verloren, auch wenn er um sein Vermächtnis bangt. Bilder: Herda/ "Jazz ohne Grenzen"
 
Kommt immer wieder gerne in Westböhmens Biermetropole: Das Grammy-überhäufte US-Vokalquartett Manhattan Transfer.

Er ist Pilsens wichtigster Strippenzieher in Sachen Jazz. Ivan Slabý, 72, grauer Dixie-Bart, Robin-Williams-Grinsen und ein rhythmisches Zucken im Knie.

Ivan Slabý ist der Erfinder von "Jazz ohne Grenzen - Džez bez hranic". Ein Motto, das zum Leben des Mediziners passt. Gegen Ende der Tauphase des Prager Frühlings studiert der Pilsener erst im niederländischen Utrecht. Dann wechselt er ins renommierte Karolinska Institutet nach Stockholm. Nicht gerade eine typische Biografie für einen Tschechen, die doch als so heimatverbunden gelten. Doch dann rollen in Prag die sowjetischen Panzer, die Armeen des Warschauer Paktes walzen Alexander Dubceks Dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus nieder.

Pianist einer Big-Band

"Ich hätte emigrieren müssen", seufzt Slabý, "das wollte ich nicht." Er kommt nicht allein zurück: "Ich habe in Stockholm meine Frau kennengelernt und sie ist mit mir in die abgeriegelte Tschechoslowakei gegangen", schildert er echte schwedische Liebe. Zuhause wählt er die innere Emigration als Jazzer: "Ich fing an, Piano in der 1983 gegründeten Pilsener Big Band zu spielen", erzählt er. Der US-Musikstil der Nachkriegsjahre hat eine tiefverwurzelte Tradition in der Hauptstadt des Bieres. "Mit den amerikanischen Befreiern kam auch deren Musik in die Stadt."

"Das Regime war gespalten, wie es mit Jazz umgehen sollte", beschreibt er den kulturpolitischen Zickzackkurs der Husák-Regierung. "Sie waren nicht begeistert, wenn man amerikanisches Liedgut spielte." Dennoch kann seine Band zu Festivals nach Oslo, Stockholm und Messina reisen. Die Idee für ein eigenes Festival nimmt Gestalt an. Doch nach der Samtenen Revolution und dem Fall des Eisernen Vorhangs holt Slabý erst einmal nach, was er versäumt hat: Er wechselt 1990 als Wissenschaftler an das Medizinische Institut der Stockholmer Karolinska Universität.

Bis 2006 bleibt der Intellektuelle in der schwedischen Hauptstadt, kommt aber regelmäßig als Kulturberater zurück in die Heimatstadt. Im Jahr seiner Rückkehr fädelt er unter anderem eine Kooperation zwischen dem J.-K.-Tyl-Theater und dem Amberger Kulturverein Bohème ein - Pilsener Ballett-Tänzer bereichern das Vilstheater.


Noch von Stockholm aus ruft er 1993 das erste Pilsener Big Band-Festival ins Leben. Der Aufwand ist enorm. "Formationen aus den USA, Schweden und Italien reisten in der klassische Big-Band-Besetzung mit bis zu 20 Mann an", erklärt Slabý das Aus der Veranstaltung auf ganz großem Fuß sieben Jahre später. Bis 2005 arrangiert der 72-Jährige zusammen mit seinem Intendanten-Freund Jan Burian die Reihe "Jazz im Theater". Als er 2006 begeisterte Jazzer aus Deggendorf kennenlernt, liegt der Vorschlag für das erste Festival "Jazz ohne Grenzen" auf der Hand. "Aber die Deggendorfer bekamen nach 2006 keine Förderung der Stadt mehr", sagt Slabý, so dass er sich neue Partner suchen muss. "Bis heute sind der Jazz-Club Regensburg, der Jazz-Zirkel-Weiden, das CeBB in Schönsee und auf kleinerer Flamme auch Deggendorf mit dabei."

Was Slabý und seine Kooperationspartner seitdem auf die Beine gestellt haben, ist ganz großes Musiktheater: "Es wurde immer prominenter", strahlt der Organisator, "wir hatten neun Grammy-Preisträger in Pilsen - Take 6, New York Voices, Manhattan Transfer", zählt er auf. "Solche Gruppen kosten zwischen 10 000 und 20 000 Euro."

Und auch dann bekommt man sie nur im Rahmen einer Europa-Tour in die Stadt. "Pilsen hat inzwischen einen Namen", zeigt sich Slabý selbstbewusst, "wir stehen auf der Jazz-Weltkarte." Eine bekannte Band in die Westböhmen-Metropole zu locken, sei kein Problem.

Was Slabý weit mehr Sorgen macht, ist die Suche nach einem Nachfolger: "Wir haben ein Finanz- und ein Personalproblem", stöhnt er, "ich finde keinen, der das für so wenig Geld weitermacht." 2,5 Millionen Kronen (92 435 Euro) Budget im Jahr - eine professionelle Agentur würde allein für die Organisation 500 000 Kronen verlangen. "Ich werde alt", schaut er traurig auf sein bedrohtes Vermächtnis, "ich kann es nicht mehr alleine machen." Das Angebot an den Magistrat, die Stadt möge sein musikalisches Erbe übernehmen, verhallt ungehört.

Bedrohtes Vermächtnis

Um zu retten, was zu retten ist, bietet Slabý jetzt einen Kompromiss an: "Ich mache etwas kleiner weiter", erklärt er seinen Plan B, "nicht mehr als Festival, sondern mit Konzerten übers Jahr verteilt mit ausgewählten Kooperationspartner wie dem Theater oder das Konservatorium." So will er beim "Kreis der Musikfreunde" die Reihe "Jazz trifft Klassik" etablieren.

Und immerhin: "Ich habe eine junge Frau an der Hand, die Interesse hat, die Produktion zu übernehmen - ich würde mich dann auf die Gespräche mit den Kooperationspartnern konzentrieren." Und wer weiß - vielleicht erkennt die Stadt Pilsen, wenn sich der Rauch des Kulturhauptstadt-Feuerwerks etwas verzogen hat, doch noch den enormen Marketingwert eines Festivals auf Augenhöhe mit Burghausen, Rudolstadt oder gar Montreux.
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