Polizei hoffte auf lebendes Kind

April: Aus dem Anruf von Dr. Karlheinz Mark, Leitender Oberarzt der Geburtshilfe am Klinikum Weiden, entwickelt sich ein Großeinsatz. "Eine Mutter, die ein Kind außerklinisch zur Welt gebracht hat, aber das Kind ist nicht da", fasst ein Polizist der Inspektion Weiden am Donnerstag vor dem Landgericht die Ausgangslage zusammen.

Neustadt/Weiden. (ca) Daraufhin schwärmen Beamte in alle Richtungen aus. Neustädter Polizisten durchsuchen fieberhaft die Wohnung in Floß. "Jedes Schubach, jeden Schrank." Dann zieht der Tross zur Wohnung des Onkels weiter. Dort erhält die Polizei den entscheidenden Hinweis der Cousine: Die Angeklagte habe sich am Samstag im Supermarkt in Neustadt/WN auffallend lange in der Toilette aufgehalten und hatte danach Blut an der Hose.

Der Einsatzzug - schon im Anflug - biegt in die Kreisstadt ab, sperrt Waschraum und Container-Standplatz vor dem Verbrauchermarkt. Die Kripo trifft ein und leert Müllsack um Müllsack. Parallel fährt eine Streife der Polizeiinspektion Weiden ins Klinikum. Noch während der Oberarzt befragt wird, macht die 21-Jährige Anstalten, das Krankenhaus verlassen zu wollen. Zwei Uniformierte postieren sich im Patientenzimmer.

Dort versuchen erst Beamte der Inspektion, dann Kripobeamte aus der 21-Jährigen herauszubekommen, wo ihr Kind ist. "Es bestand ja immerhin eine Restchance, dass es noch lebt." Die Antwort: Sie habe kein Kind, sie wisse nichts von einem Kind. Die junge Frau wirkt seltsam ruhig. Der Polizist fragt sich am vierten Verhandlungstag, "ob es sein kann, dass man nach einer Geburt so traumatisiert ist, dass man nichts mehr weiß".

Das Erinnerungsvermögen kehrt schrittweise zurück, als der Kriminalbeamte sie wegen des Verdachts auf ein Tötungsdelikt festnimmt und zur Dienststelle bringen lässt. Im Vernehmungszimmer der Polizei bröckelt die Story vom Abgang. Tränen fließen. "Irgendwann räumte sie ein, dass Kind auf der Kundentoilette bekommen zu haben." Da kam auch per Funk schon die Meldung vom Leichenfund in Neustadt herein.

Die Theorie vom Dritten

Aber auch der Kripo präsentiert die 21-Jährige die Version, das Kind zwar auf der Toilette geboren, dann aber in einem geöffneten Müllsack auf Einwegtüchern "gebettet" zu haben, um es später zu holen. Das Baby war aber - mit einem Papierknebel erstickt - in einem verknoteten Müllsack gefunden worden. "Ich war's nicht", sagt die Angeklagte.

Die ominöse Theorie vom "unbekannten Dritten" versuchte das Gericht am Donnerstag durch eine erneute Abspielung von Überwachungsvideos endgültig auszuräumen. Das gab einen kleinen Einblick, wie aufwändig die Arbeit für die Kriminalpolizei war. Ein technischer Angestellter spielte Sequenzen sämtlicher Toilettenbesucher ein.

Zeitlich stellt sich der Ablauf wie folgt dar: Um 11.09 Uhr verlässt Steffi D. die Toilette. Vier Kunden besuchen den Waschraum, ehe nach Kundenbeschwerden um 12.20 Uhr eine Verkäuferin außer der Reihe zum Putzen kommt. Von diesen vier Kunden konnten nur eine ältere Dame ermittelt werden, die als Zeugin ausgesagt hat. Die anderen Drei sind augenscheinlich unbedarfte Unbeteiligte. Um 12.20 Uhr wird geputzt, und zwar bei offener Tür: Zu sehen ist auch, wie die Beschäftigte um den blauen Müllsack in der Gitterbox herumwischt. Wäre da ein zweiter Sack - wie von Steffi D. behauptet - hätte sie ihn sehen müssen.

31 Toilettenbesucher

Nach der Putzaktion um 12.20 Uhr gingen weitere 31 Kunden zur Toilette, bis um 18.45 Uhr die Putzfrau des Abends kam. Teilweise geben sie sich die Klinke in die Hand. Viele Mamas mit Kindern, viele Senioren, ein Pärchen, das sich beim Warten abbusselt. Einer, bei dem's so dringend ist, dass er zehn Mal auf der Stelle im Kreis läuft. Nur eine einzige ältere Frau hat eine größere Tasche dabei, eine Art Rollcontainer für den Einkauf. Der Müllsack ist dabei immer wieder zu sehen, darin lag - wo weiß man heute - die ganze Zeit das tote Kind. Die Putzfrau am Abend entnahm den merklich schweren Beutel dann und stellte ihn zu weiteren Müllsäcken, die sie in einem Einkaufswagen wegtransportierte.

Alle Zweifel ausgeräumt? Für Verteidiger Christoph Scharf nicht. Er hat sich Anfang der Woche die Aufzeichnungen geben lassen und bemerkt, dass es Zeitsprünge von bis zu drei Minuten gibt. Das könne laut dem technischen Angestellten der Kripo "vielfältige Ursache" haben. Scharf kritisiert auch, dass er selbst zwei Toilettenbesucher entdeckt habe, die von der Kripo übersehen worden seien. Für Landgerichtspräsident Leupold führt die Kritik nicht weiter: "Wollen Sie eine allgemeine Benotung der Polizei abgeben?"

Für Montag, 7. Dezember, 9 Uhr, sind Plädoyers und Urteil geplant.
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