Porzellanikon widmet der Künstlerin Karen Müller eine Retrospektive
Blick nach vorn und zurück

Seit fast 40 Jahren arbeitet die Künstlerin Karen Müller überwiegend mit dem Werkstoff Porzellan. Ihr Schaffensdrang machte sie zu einer der wenigen deutschen Keramikkünstlerinnen mit internationaler Anerkennung. Repro: ske
 
An eine "Fata Morgana" erinnert dieses, aus schamottiertem, metallisierte und montierten Porzellanobjekt vor farbiger Skizze. Bild: ske

Karen Müller bemalt nicht, sie färbt die Masse mit Metalloxiden fragmentarisch. Sie sagt über ihre Arbeit: "Porzellan habe ich immer als die Primadonna aller Werkstoffe verstanden und manchmal auch verwünscht."

Der Besucher begegnet dem "Menschen als solchem" an mehreren Stellen innerhalb der Ausstellung "Karen Müller - Retrospektive", die bis 28. Juni im Porzellanikon in Hohenberg an der Eger gezeigt wird. Es sind besondere, ungewöhnliche Arbeiten einer besonderen und in ihrem Lebensweg sicher ungewöhnlichen Frau, die nicht nur den Porzellan-Liebenden erwarten und in ihren Bann ziehen. Drei Zyklen, 100 Objekte, mehrere Figurengruppen.

Man sollte den Weg der Künstlerin kennen, um sich in ihr Werk, ihr Schaffen einfühlen zu können. Karen Müller ging einen weiten Weg. Geboren und aufgewachsen auf einem einsamen Bauernhof an der Nordseeküste Schleswig-Holsteins. Mit ihrem Bruder träumte sie von einem anderen Leben, sie wollten hinausziehen in eine Welt der Offenheit und Toleranz. Der Bruder, eigentlich der Hoferbe, ging seinen Weg, wurde Testpilot.

Karen Müller musste auf Wunsch der Eltern eine Landwirtschaftslehre machen, obwohl sie eigentlich Sport und Biologie studieren wollte. Es blieb beim Wunsch, Schleswig-Holstein und den Hof verließ sie dennoch. Zog tief in den Süden Deutschlands, nach Oberbayern, arbeitete einige Jahre im Schlossbetrieb Elmau, heiratete, bekam drei Kinder.

Bescheidener Mensch

Die Ehe scheiterte, sie musste die Kinder alleine versorgen, fotografierte, absolvierte eine Keramiklehre, Kunststudium, wenn auch ohne Abschluss. Seit mehreren Jahrzehnten arbeitet die Künstlerin mit Porzellan, durchbricht dabei die allgemeinen ästhetischen Erwartungen von rein weißen und filigranen Porzellanobjekten. Eine eigene Werkstatt auf Elmau, Auslandsaufenthalte, Studienreisen, ein zweites Atelier in Nointel bei Paris, zahlreiche, sehr erfolgreiche Ausstellungen im In- und Ausland, mehrere Staats- und Förderpreise, Publikationen in Film und Fernsehen. Kuratorin Claudia Zachow sagt über die Künstlerin: "Sie ist ein ausgesprochen bescheidener Mensch, lebt in ihrem kleinen, einsamen Atelier bei Elmau mitten in ihrer Kunst." Zahlreiche Objekte stehen im Haus, auch im großen Garten, viele in einem eigens angebauten, überdachten Bereich. "Art-Port" statt Car-Port.


Die Kunst der Karen Müller ist ungewöhnlich, widerspricht mancher Erwartung, manchem Klischee, überrascht und nimmt gefangen. Ihre Porzellanobjekte sind oft ungewohnt groß, manche gedrehte Schalen haben einen Durchmesser zwischen 50 und 70 Zentimeter, die Plastiken sind mitunter mannshoch. Müller gelingt es, den diffizilen Brennprozess herauszufordern, zu nutzen - und den Kampf zu gewinnen. Sie formt die Schalen mit den Händen, bearbeitet sie aus der Distanz mit Kanthölzern, "schlägt" das Material, sucht den "guten Abstand", erreicht ungewohnte Formenvielfalt innerhalb der Rundung. Runde Schalen sind nicht gleich runde Schalen. Das Runde wird aufgebrochen, durch Einschnitte, Ausformungen, jede Schale wirkt für sich, durch Statik und eingeschlossene Farben.

Erfühlen und erfahren

Müller weiß um die Schwierigkeit der Materie: "Porzellan lässt sich nicht beliebig behandeln oder gar beherrschen, es will erfühlt und erfahren werden." In diesem Prozess geht sie bis an die äußersten Grenzen. "Diese so schwer zu verarbeitende Masse bis zur Grenze des technisch Möglichen auszureizen und dennoch das gestalterische Element in den Vordergrund zu stellen, ist bis heute ein Wagnis geblieben."


Ein Risiko, das sie nicht scheut. Trotz mancher Enttäuschung. "Nur eine von neun Schalen überlebt den Fertigungsprozess.", erklärt Ausstellungskuratorin Claudia Zachow. Müller arbeitet gerne mit mythologischen Themen, die sie neu interpretiert: Die vier Elemente - bereichert um ein weiteres, die sieben Tage um einen achten. Der Schöpfungsmythos, der "Mensch als solcher", Müller gibt Denkanstöße, sie will den Betrachter herausfordern. Zeigt das Individuum im Wechselspiel mit der Gesellschaft, dessen Teil es ist, die ihn umgibt. Wie verhält sich der Einzelne in der Gruppe, wie die Individuen zueinander? Denk-Anleitungsfragen, denen die Künstlerin mit ihrem Schaffen, ihren Werken nachspürt.

Ihre Plastiken findet der Betrachter fast zweifach, im Vordergrund die Plastik, dahinter ein Bild davon. Die gemalte "Skizze", die zuerst entsteht. Die Plastik wird daraus formal abgeleitet, ist ein eigenes Bildwerk. Mitunter verarbeitet sie biografisches. Die Mutter und ihre flügge werdenden Kinder. Der Tanz, Tango.

Die Ausstellung ist eine Retrospektive, beginnt mit frühen Arbeiten, auch aus ihrer Pariser Zeit. Das jüngste Exponat wurde unmittelbar zur Ausstellung gebrannt.
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