Powerfrau stößt an ihre Grenzen

Da ist Chaos vorprogrammiert: Catherine (Marion Kracht, rechts) nimmt den Obdachlosen Michel (Daniel Morgenroth) in ihrer Wohnung auf. Die aufmüpfige Tochter Sarah (Lene Wink, links) verbündet sich mit ihm. Bild: Kunz

Arm trifft Reich, Mann trifft Frau, zwei soziale Schichten treffen aufeinander. Da ist das Chaos schon vorauszusehen. Die Kulturbühne Weiden zeigt in der Max-Reger-Halle Antoine Raults Komödie "Auf ein Neues" mit Marion Kracht.

Weiden.Eine konsequente Erziehung, Energie und Durchsetzungsvermögen haben der selbstbewussten Mittvierzigerin Catherine eine glänzende Karriere und einen gut dotierten Job beschert. Als Mutter einer 15-Jährigen ist sie allerdings weniger erfolgreich.

Leben vor dem Sandlersein

Die aufmüpfige Sarah ignoriert die Erziehungsversuche der Mutter. Als dann der obdachlose Michel den Platz vor ihrer Wohnung als Schlafstelle für den Heiligen Abend aussucht, gerät die Powerfrau an ihre Grenzen. Zumal Tochter Sarah kein Verständnis dafür hat, dass die Mutter den "Penner" einfach rausgeworfen hat. In seinem Stück "Auf ein Neues", mit dem die Kempf Theatergastspiele am Mittwochabend in der Weidener Max-Reger-Halle gastierten, baut Autor Antoine Rault diese Konfliktlage genüsslich aus. Zur Freude des Publikums, das sich köstlich amüsierte.

Die Auseinandersetzungen mit der aufmüpfigen Tochter mag man noch als inzwischen erprobten Alltag einer alleinerziehenden Mutter empfunden haben, die Begegnung mit dem abgerissenen Michel ist es keineswegs. Und mit dem Rauswurf ist es nicht getan. Diese Frau fühlt sich herausgefordert und trifft für sich eine Entscheidung, die ihr Leben verändert. Aus der Laune eines Weihnachtsabends wird Programm.

Nachdem der heruntergekommene Mann erst einmal geduscht hat und von seiner Wohltäterin in gute Klamotten gesteckt worden ist, fängt die Auseinandersetzung erst an. Denn dieser Michel hat auch ein Leben hinter sich, hat sich seine eigene Lebensphilosophie gebastelt, und ist offensichtlich nicht bereit, alles zu akzeptieren, was seine Wohltäterin für ihn vorgesehen hat.

Im Gegenteil: Irgendwann während einer dieser harten Auseinandersetzungen, in denen es der Frau ums Prinzip und dem Clochard um menschliches Miteinander geht, greift er sie an: "Sind sie etwa glücklich?" fragt er. "Früh raus, spät nach Haus,, und jeden Abend solo im schicken Kleid durch Ihr verkorkstes Leben ..."

"Männer sind wie Kinder"

Catherine hat genug zum Nachdenken im Ringen um eine bessere Zukunft, auch für sie selbst. Denn es kann nicht so bleiben wie es ist: Ihre Verachtung der Männer beispielsweise hat etwas Skurriles, wenn sie sagt, dass Männer wie Kinder sind, nur mit Kleidern für Erwachsene.

Sie hat freilich nicht damit gerechnet, dass bei ihrem Gast eine eigenständige Persönlichkeit zum Vorschein kommt, die durch die Dinge, die ihm nach Verlust des Arbeitsplatzes passiert sind, einfach weggerutscht war. Und so gerät mancher Resozialisierungsversuch zu einer komischen Nummer. Dies umso mehr, als Tochter Sarah sich mit Michel solidarisiert und ein Gefühl der Verbundenheit aufbaut.

Das Aufeinandertreffen zweier sozialer Schichten und zweier völlig unterschiedlicher Persönlichkeiten könnte durchaus zur Katastrophe geraten. Ein Happy-End ist in diesem Fall keineswegs vorprogrammiert. Doch die richtige Entscheidung nach der unerwarteten Begegnung und das Ergreifen der sich bietenden Chance führen Michel zurück in ein besseres Leben. Und Catherine heraus aus der Isolation und in die Erkenntnis, dass zum Glück mehr gehört als beruflicher Erfolg und ein gutgefülltes Konto.

Nachwuchstalent Wink

Marion Kracht, eine der bekanntesten Charakterdarstellerinnen des deutschen Theaters, spielt eindrucksvoll die weibliche Titelrolle an der Seite des glänzenden Daniel Morgenroth als Michel. Lene Wink in der Rolle der Sarah gehört ohne Frage zum hoffnungsvollen Nachwuchs. Die Zuschauer sahen eine nicht nur amüsante durchaus aktuelle menschliche Geschichte, die das hübsche Happy-End und den Beifall des Publikums verdient hat.
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