Protestanten, Katholiken und staatliche Stellen füllen Erinnerung an Thesenanschlag mit Ideen
Aus Reformation wächst Zukunft

Der Countdown-Zähler in der Weltkugel prangt als markanter Werbeträger für das Reformationsjubiläum 2017 auf dem Marktplatz in Wittenberg vor dem Alten Rathaus mit den Statuen von Philipp Melanchthon und Martin Luther sowie der Stadtkirche im Hintergrund. Bilder: ui
 
Dr. Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, (links) zeigt gegenüber des Lutherhauses in Wittenberg noch bis November die Ausstellung über Lucas Cranach den Jüngeren.
 
"Luther und die Fürsten" ist die derzeit laufenden Nationale Sonderausstellung in Schloss Hartenfels in Torgau betitelt. Bild: Oliver Killig, Staatliche Kunstsammlung Dresden.

Ob Luthers berühmte Thesen tatsächlich an der Schlosskirche hingen, darüber streiten sich heute die Gelehrten. Auf jeden Fall verbreiteten sich die Gedanken der Reformation nach 1517 in Windeseile in Deutschland und Europa. In der Folge floss viel Blut. 500 Jahre später arbeiten Evangelische und Katholiken gemeinsam am Reformationsjubiläum.

Viel wichtiger als der Thesenanschlag war für die Reformation die erfolgreiche Verbreitung der Ideen Dr. Martin Luthers. Auch das mittelalterliche Medienzentrum Nürnberg darf für sich in Anspruch nehmen, ein Mosaikstein zu sein, der zur Ausbreitung der neuen Gedanken beitrug.

So rutscht die urprotestantische ehemalige Kaiserstadt jetzt bei den Feierlichkeiten zwar nicht in die erste Reihe der berühmten mitteldeutschen Lutherstädte Wittenberg, Eisleben und Mansfeld, aber doch mit ins Blickfeld. Und das obwohl der Mönch dort bei seinen zwei Besuchen gar nicht öffentlich in Erscheinung getreten ist. Die Ideen des Augustiners fielen in der direkt dem Kaiser unterstellten Metropole mit ihren einflussreichen Patrizierfamilien auf fruchtbaren Boden. Großen Anteil daran haben die gedruckten Zusammenfassungen der Thesen in deutscher Sprache.

Vielfalt zusammenführen

"Ohne Luthers Bibelübersetzung könnten wir uns heute mit den Bayern gar nicht unterhalten", schmunzelt selbst der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haselhoff über eine weitere bis heute bedeutsame Wirkung des Reformators. Das Fembohaus in Nürnberg beteiligt sich aktuell mit der Ausstellung "Das Auge und Ohr Deutschland - Nürnberg und die Reformation" an der Lutherdekade, der zehnjährigen Hinführung auf das große Reformationsjubiläum.

Angesichts der Fülle von Ideen und Veranstaltungen zur Erinnerung an die vor 500 Jahren gestarteten Umbrüche von einem Höhepunkt zu sprechen, ist fast nicht möglich. Protestantisch gedacht wird es der gemeinsame Abschlussgottesdienstes des Berliner evangelischen Kirchentages und der dezentralen "Kirchentage auf dem Weg" am 28. Mai 2017 auf den Elbwiesen vor Wittenberg. Auch wenn sich die Veranstalter derzeit noch scheuen, genaue Zahlen zu prognostizieren, stellen sie sich auf rund 300 000 Besucher ein.

"Nehmen Sie sich viel Zeit, viele Schätzlein zu heben", lädt die mitteldeutsche Bischöfin Ilse Junkermann ein. Es gelte die Vielfalt der Reformation und auch des konfessionellen Miteinanders ins Blickfeld und Bewusstsein zu heben. Was die Kirchenfrau für einen Landstrich so freudig ankündigt in dem 80 Prozent der Bevölkerung keiner Kirche angehören, bereiten schwerpunktmäßig die EKD, der Bund, die Länder Thüringen und Sachsen-Anhalt sowie Bayern, Brandenburg, Hessen, Rheinland-Pfalz und Sachsen zusammen mit der Evangelischen Landeskirche in Mitteldeutschland (EKM) und weiteren protestantischen Landeskirchen im Dialog mit der katholischen Kirche auf vielerlei Ebenen bis hin zu Kommunen und kirchlichen Gemeinden vor.

Briefwechsel

Ziel ist keine Heiligenverehrung der Akteure um Luther, sondern die Suche nach der aktuellen Bedeutung der Reformation. Dafür gibt es nach Junkermanns Worten keine zentrale Antwort, wohl aber viele Wege und Möglichkeiten zu suchen. Das erweist sich in der Vorbereitungsdekade immer wieder als fruchtbar. Ein Beispiel ist der Briefwechsel zwischen dem bayerischen Landesbischof und EKD-Vorsitzendem Heinrich Bedford-Strohm und dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Kardinal Reinhard Marx.

Dieser Schriftverkehr sei eine Art Durchbruch für das Verhältnis der Konfessionen in Deutschland, urteilt der katholische Magdeburger Bischof Dr. Gerhard Feige. Aus den Fragen nach gemeinsamen Zugängen zum Reformationsjubiläum habe man ökumenische Veranstaltungen konzipiert. Neben Tagungen zur Bibel im Herbst 2016 verweist der Vorsitzende der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz auf eine Pilgerreise mit Vertretern von EKD und Bischofskonferenz nach Israel.

Dialog der Konfessionen

Eine weitere Fahrt bringt unter Federführung der katholischen Akademie Magdeburg 1500 Teilnehmer aus verschiedenen Konfessionen im Oktober 2016 nach Rom. In der Reihe der Schätze für den Dialog der Konfessionen verweist Feige auf die 2017 geplante Ausstellung über den letzten katholischen Bischof von Naumburg und Zeitz "Julius Pflug" an drei Orten in Zeitz.

Noch bis zum 1. November läuft in Wittenberg die als Weltpremiere betitelte Landesausstellung "Lucas Cranach der Jüngere. Entdeckung eines Meisters". Der Maler wurde vor 500 Jahren geboren und übernahm in der Lutherstadt die Werkstatt seines gleichnamigen Vaters. "Noch nie widmete sich eine Ausstellung ausschließlich mit dem Werk des jüngeren Cranach", freut sich Dr. Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Alle Portraits und Bilder Luthers gehen auf die Cranachs und ihre für die damalige Zeit auf Massenproduktion ausgelegte Werkstatt zurück. Der Reformator ließ sich ausschließlich von Vater und Sohn Cranach malen

Zum Reformationsjubiläum 2017 folgen in Wittenberg die zwei nationalen Sonderausstellungen "95 Menschen" und "95 Schätze". Im ersten Teil wird ein Bogen geschlagen von Wegbegleitern Luthers, bis zu modernen Zeitgenossen wie Axel Springer, der in seinem Arbeitszimmer ein Lutherbild hängen hatte und letztlich auch im Lutherkrankenhaus starb. Für die "95 Schätze" ist es Rhein auch gelungen, das Original von Luthers Testament in Budapest auszuleihen.

Begrüßenswert wäre es, die kulturhistorisch wertvolle Ausstellung mit niedrigschwelligeren Angeboten zu verquicken, die für Kinder und Jugendliche aber auch Erwachsene attraktiv sind. Wie es geht, zeigt die derzeit viel genutzte Ergänzung "Pop Up Cranach" im Obergeschoss des Augusteums.

Reformationssommer

"Wir werden Reformation feiern als gemeinsame Gschichte von Kirchen, als ökumenische Geschichte unseres Landes und unserer Kultur, als internationales Ereignis und als Lerngeschichte." Margot Käßmann freut sich auf die Feier des Sommers der Reformation in zwei Jahren in Wittenberg.

Rund um die Stadt werden vom 20. Mai bis 10 September 2017 "Sieben Tore der Freiheit - Weltausstellung Reformation" und damit verbundene Themenbereiche Zukunft gestalten. Kirchen aus aller Welt, internationale Institutionen, Organisationen, Initiativen und viele Kulturschaffende präsentieren ihre Sicht auf die Reformation. Sprecher Christof Vetter sieht hier "die Zukunft an einem Ort, an dem vor 500 Jahren die Welt verändert wurde."

"Wittenberg zur Zeit der Reformation" präsentiert Yadegar Asisi in einem 360-Grad Panorama auch über die Zeit der Weltausstellung hinaus. Von der Enge in die Weite, vom Eingesperrtsein in die Freiheit führen moderne Künstler die Gäste im alten Gefängnis. Auch hier soll der Blick sich öffnen als freie Sicht auf das 21. Jahrhundert.

Je 1500 Jugendliche aus Deutschland und dem Ausland kommen zehn Wochen lang bei jeweils viertägigen Konficamps zusammen Vetter ist immer noch überrascht, dass mehr als Dreiviertel der Plätze ausgebucht waren, bevor die Aktion überhaupt offiziell ausgeschrieben war.

Das Reformationsjubiläum spannt sich auch in Mitteldeutschland weiter als nur über Sachsen-Anhalt. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow sieht es als riesen Chance für sein Land, die dem Linkenpolitiker aber auch als evangelischer Christ ganz und gar nicht egal sei. "Luther ist Teil der Thüringen prägenden Kultur." Eisenach werde die Hauptstadt des Reformationsjubiläums in seinem Land sein, kündigte er an.

Vom 4. Mai bis 5. November 2017 ist auf der Wartburg die nationale Sonderausstellung "Luther und die Deutschen" geöffnet. Burghauptmann Günter Schuchardt erwartet dort mindestens 250 000 Gäste. Schließlich gibt es im Festjahr im Deutschen Historischen Museum in Berlin im Zeitraum vom 12. April bis 5. November eine weitere Nationale Sonderschau mit dem Titel "Der Luthereffekt. 500 Jahre Reformation".



Reformation im Netz:


Staatliche Geschäftsstelle Luther 2017: www.luther2017.de
Reformationsdekade Bayern: www.luther2017-bayern.de
Deutscher Evangelischer Kirchentag 2017 in Berlin und Wittenberg, 24. bis 28. Mai 2017: www.kirchentag.de/2017
Reformationssommer 2017: www.r2017.org
EKD: www.ekd.de/luther2017.html
Briefwechsel Heinrich Bedford-Strohm mit Kardinal Marx: www.ekd.de/download/pm114_briefwechsel_reformationsjubilaeum.pdf
Cranach-Ausstellung in Wittenberg bis 1. November 2015: www.cranach2015.de
Ausstellung "Luther und die Fürsten" in Torgau bis 31. Oktober 2015: www.luther.skd.museum
Nationale Sonderausstellungen 2017: www.dhm.de www.martinluther.de www.wartburg.de
Ausstellung "Deutschlands Auge und Ohr" in Nürnberg bis 31. Oktober 2015: www.stadtmuseum-fembohaus.de
Thüringer Landesausstellung: www.ernestiner2016.de
Digitalisierte Flugschriftensammlung der Wartburg: www.urmel-dl.de/Projekte/Lutherflugschriften
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11335)Juli 2015 (8666)
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