Puppen, Autos, Masken

In Afrika gibt es den Begriff "Müll" nicht. Auch und vor allem nicht in der Spielwelt der Kinder. "Du kannst ja jeden Schrott gebrauchen", diese Aussage hat hier eine ganz andere Dimension. Aus Lumpen entstehen Bälle, aus leeren Plastikflaschen werden Rolltiere.

Und das nicht nur in Afrika. "Für viele Familien auch in Asien und Lateinamerika sind industriell hergestellte Spielwaren unerschwinglich. Also bauen die Kinder ihr eigenes Spielzeug." Dr. Margit Berwing-Wittl vom Oberpfälzer Volkskundemuseum in Burglengenfeld ist im Bilde über die Spielzeugsituation weltweit. Ganz besonders durch ihre aktuelle Ausstellung. "Weltspielzeug. Spielzeugwelt" lautet der Titel der Schau. Es handelt sich um eine Wanderausstellung der Kinderhilfsorganisation "Plan International Deutschland".

Ergänzt ist die Präsentation durch Stücke aus der Oberpfalz. Schließlich galt auch hier vor nicht allzu langer Zeit: Not macht erfinderisch. "In manchen Familien werden bis heute aus Resten selbstgebaute Spielzeuge aufbewahrt", so Berwing-Wittl. Einiges Selbst Gestricktes, Gebautes oder Gebasteltes aus der Kriegszeit steht in der Ausstellung neben ganz ähnlichen Artefakten heutiger Kinder aus der "Dritten Welt".

"Kinder in Deutschland kennen es kaum noch: selbst gebautes Spielzeug aus Pappe, Blättern, Dosen, Draht, Plastikflaschen oder Stoffresten." Ein kleines Stück Gesellschaftskritik schwingt schon mit, wenn Margit Berwing-Wittl einleitend Auskunft gibt über die kleinen Großkonsumenten hierzulande. Mit der Ausstellung zeigt die Museumsleiterin den Kids, dass es auch anders geht. Und zwar dicke.

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Eine Flut an Puppen, Kuscheltieren, Autos, Flugzeugen, Schiffen, Trommeln und Masken empfängt den Besucher in Burglengenfelds temporärer Weltspielzeugwelt. Die an sich schon detailverliebte Schau wird noch persönlicher durch die Geschichten, die es zu den einzelnen Stücken gibt. Erzählt wird von der zehnjährigen Joyce aus Uganda. Spielzeugläden gibt es in ihrer Heimat nicht, dafür aber jede Menge Bananenstauden. Aus deren getrockneten Blättern hat sich Joyce eine Puppe gebastelt. Für Kleidung und Haare ergatterte sie Stoff- und Wollreste bei ihrer Mutter und einer Nachbarin. Der siebenjährige Egbele aus Togo träumte von einer schönen Schultasche - und bastelte sich eine aus den Resten einer Pappverpackung. Aus Bolivien stammt eines der Lieblingsstücke von Museumsleiterin Berwing-Wittl: Aus einem ausgedienten Plastikkanister hat hier ein Mädchen einen Esel geformt. "Esel sind in Bolivien wichtige Nutztiere", informiert der Ausstellungstext. Die anrührende Liebeserklärung an den Lastenträger ist nicht das einzige Stück der Ausstellung, das die Lebenswirklichkeit von Kindern spiegelt. Da gibt es noch den Stoffdrachen aus China, der in seiner Heimat als Glückssymbol gilt. Oder die Stoffpuppen aus Afrika, die logischerweise allesamt eine tiefschwarze Hautfarbe aufweisen.

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Eine Art Exportschlager

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Manche Dinge sind bekannt, wie etwa die Blechfahrzeuge, die sich in der "Dritten Welt" zu einer Art Exportschlager gemausert haben. Anderes ist verblüffend. Etwa das aus einem Holzstück gefertigte Mobiltelefon, das ausgerechnet aus China stammt. "Nicht alle Menschen im Reich der Mitte haben Anteil an der fortschreitenden Entwicklung", heißt es über das Land, in dem ein großer Teil der Handys für den westlichen Markt hergestellt wird.

"Plan International hat in Süd- und Mittelamerika, Asien und Afrika Spielzeug gesammelt oder im Rahmen von Förderprojekten gemeinsam mit Kindern gebastelt", fasst Margit Berwing-Wittl den Inhalt der Ausstellung zusammen. Über die Einblicke in fremde Welten hinaus ist der Museumsleiterin aber auch der regionale Aspekt wichtig.

"Durch zahlreiche Leihgeber ist es gelungen, zu vielen exotischen Spielen die heimischen Entsprechungen zu zeigen." Konkret meint Berwing-Wittl damit in die Jahre gekommene Kreisel aus alten Garnspulen, handgefertigte Hampelmänner oder Kuscheltiere aus Stoffresten einer Oberpfälzer Autositzfabrik. Zugegeben: Abfall gibt es in der aktuellen Ausstellung in Burglengenfeld zuhauf. Müll dagegen nicht.
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