Richards Moidla aus Portugal

Nur zufriedene Gesichter: Joachim Prassol (links) und Ina Hutzler (rechts) von "Dr. Loew Soziale Dienstleistungen" sind froh, dass Isabel Pinto und Aline Bernardo (Mitte, von links) den Schritt von Portugal in die Oberpfalz gewagt haben. Neben der portugiesischen Spezialität Stockfisch liebt Isabel inzwischen ganz besonders "Kniedel mit Schweinebraten", wie sie sagt. Bilder: Götz
 
Als Bufdi und Hilfskraft hat Isabel – hier mit zwei Kolleginnen – bereits in der Einrichtung von Dr. Loew in Vohenstrauß gearbeitet. Sie hat auch jetzt einen Ausbildungsunterstützungs-Vertrag, während sie die BRK-Berufsfachschule in Neustadt absolviert.

Von der Algarve an die Grenze bei Waidhaus. Isabel Pinto hat "geweint und geweint. Unser erster Tag war so traurig." Nach drei Tagen Fahrt war sie mit Aline Bernardo in Frankenreuth angekommen. "Es hat geregnet, es hat nach Odel gerochen." Für die Frauen aus dem sonnigen Portugal ziemlich grässlich. Längst vorbei. Inzwischen sind sie "die Moidla vom Richard".

Waidhaus. (ps) Richard ist ihr Vermieter in Frankenreuth. "Er ist ein bisschen wie ein Oberpfälzer Papa und seine Frau ist die Mutti", sagt Aline. "Das ist ein bisschen wie Familie." Doch was hat die 34-Jährige und ihre Lebensgefährtin in die Oberpfalz verschlagen, so weit ab von der Küste, die sie lieben? Ganz einfach: Alines Beruf und der Wille, damit endlich mal Geld zu verdienen.

Denn das war in Portugal nicht möglich. Die Arbeitslosigkeit in ihrer Heimat ist groß. Selbst als Diplom-Psychologin brauchte sie manchmal vier Jobs, um über die Runden zu kommen. "Es gab eine Zeit, da habe ich als Radio-Moderatorin gearbeitet, Englisch-Unterricht gegeben, als Psychologin Risikofamilien betreut und zwei Mal in der Woche in einem Hotel Musik gemacht."

Musik ist ihre große Leidenschaft. Die 34-Jährige spielt Gitarre und singt - und zwar sehr gut. Sie schaffte es sogar in die Sendung "The Voice of Portugal". Doch auch davon lässt sich nicht leben. "Ich war 30 und hatte nichts. Ich konnte meine Zukunft nicht planen", blickt Aline zurück. "Die Arbeit als Psychologin war Frust. Es gab höchstens Zeitverträge, keine sichere Stelle, und nie war genug Geld da, um allen Klienten zu helfen." Also reifte in den beiden Frauen letztlich der Plan, ins Ausland zu gehen.

Und dann kam Kommissar Zufall ins Spiel. Etwa um diese Zeit hatten sich die Verantwortlichen bei "Dr. Loew Soziale Dienstleistungen" entschlossen, angesichts des enormen Fachkräftemangels ein Experiment zu wagen: Warum nicht im Ausland nach Fachkräften suchen? Dass es Portugal wurde, lag an den Beziehungen zu einer deutschen Psychologin, die dort lebt. Dass es für die Portugiesinnen Waidhaus wurde, lag an Ina Hutzler, Leiterin der Einrichtung für psychisch Kranke in Waidhaus. Sie hat sich vor Ort um alles gekümmert: eine Ferienwohnung für die zwei jungen Frauen, die mit Möbeln, Waschmaschine, Küche komplett ausgestattet war und in der auch Hund Chiqua erlaubt war. Die Frage, wo man das Auto anmelden muss, welche Versicherung nötig ist, und, und, und.

Trotzdem war die erste Zeit hart. Nicht nur wegen der fremden Umgebung, es mangelte auch an Deutsch-Kenntnissen, räumen Aline und Isabel ein. Isabel Pinto (35) hatte in ihrer Heimat zwar neben Soziologie auch Portugiesisch und Französisch studiert. Doch das half ihr in der Oberpfalz nicht weiter. Inzwischen wissen sie längst, dass hier selbst Deutsch nicht immer ausreicht. "Was habe ich Umlaute gelernt", schimpft Aline schmunzelnd. "Müde, schön, spät. Da gibt man sich Mühe und dann braucht man es gar nicht. Das heißt ja meid, schei, spat...". Allen Respekt: Klingt trotz leichtem Akzent ziemlich akzeptabel. Wie die beiden überhaupt schon sehr gut Deutsch sprechen. Immerhin leben sie erst seit Juni 2013 hier.

Im ersten Jahr war Aline als Hilfskraft tätig. "Als Psychologin muss sie mit unseren Bewohnern und den Ärzten kommunizieren können. Das hat ein bisschen gedauert", erinnert sich Ina Hutzler. Doch die Psychologin machte aus der Not eine Tugend. "Unsere Bewohner können ihr Leben nicht alleine bewältigen. Aber ich habe ihnen klar gemacht, dass sie manches besser können als ich, zum Beispiel Deutsch. Und dass ich manchmal ihre Hilfe brauche, manche haben mir zum Beispiel auf Englisch gedolmetscht. Das war für beide Seiten eine interessante Erfahrung." Für Aline als Perfektionistin allerdings nicht immer leicht, wirft ihre Chefin Ina Hutzler ein. "Ich glaube, sie war in den ersten sechs Monaten schon manchmal frustriert. Aber dann ging es steil bergauf."

"Sie ist sehr engagiert"

Nach einem Jahr legte Aline die Deutsch-Prüfung auf dem B2-Level ab. Seitdem ist sie als Fachkraft im Einsatz. Sie betont aber auch: "Ich hätte in Portugal als Psychologin nie so viel verdient, wie hier als Hilfskraft." Ihre Freundin Isabel Pinto fand ebenfalls bei "Dr. Loew Soziale Dienstleistungen" eine Anstellung. Zunächst als Bufdi (Bundesfreiwilligendienst), dann als Hilfskraft in einem Pflegeheim für geistig Behinderte in Vohenstrauß. "Sie ist sehr gut, sehr engagiert", sagt stellvertretender Einrichtungsleiter Joachim Prassol. Deshalb ist er heilfroh, dass Isabel jetzt eine Ausbildung zur Altenpflegehelferin an der BRK-Berufsfachschule in Neustadt absolviert. Sie will sogar noch zwei Jahre Ausbildung zur Altenpflegerin draufsatteln. "Außerdem haben wir einen Ausbildungsunterstützungs-Vertrag mit ihr abgeschlossen."

"Es hat alles super geklappt", sagt Aline im Rückblick. Dabei gab es in den ersten sechs Monaten weit mehr Probleme als die deutsche Sprache. Zum Beispiel: Was sind Winterreifen? "Ich habe das aus Portugal nicht gekannt." Oder: Was bedeutet eine glatte Fahrbahn? Kann Schnee, der vom Dach fällt, das Auto beschädigen? Und das größte Problem von allen: Es gibt in der Oberpfalz keinen Stockfisch. Aline: "Egal, wo in der Welt ein Portugiese ist, er vermisst immer seinen Stockfisch."

"Dirndl hamma auch"

Schließlich werden zahlreiche Gerichte in Portugal aus dieser luftgetrockneten Delikatesse gemacht. Doch inzwischen sorgen die Eltern für Nachschub. Tintenfisch bestellen die beiden Frauen per Internet. "Forelle oder Zanderfilet ist gut", sagt Aline. "Aber wir vermissen den Salzgeschmack von Meeresfisch." Isabel hat in der neuen Heimat aber auch etwas anderes schätzen gelernt. "Knödel mit Schweinebraten. Oooh, das schmeckt so gut", schwärmt sie. "Das mache ich sonntags oft." "Wir sind schon angepasst", sagt Aline. "Dirndl hamma auch schon", fügt sie trocken hinzu. "Geschenkt bekommen von unserer Nachbarin."
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