Riesige Sandinsel

Nur wenn man dicht an die Scheibe herantritt, sieht man seinen massigen Körper im Zwielicht darunter dümpeln. Über George bewegen sich silbern glänzende Fische durch das Scheinwerferlicht und lassen sich von den Urlaubern mit Sektglas begaffen. George hat das nicht nötig. Er ist der Star der Reef World, dem Ponton inmitten des Great Barrier Reef.

Seit 30 Jahren lebt der Riesenzackenbarsch hier. Er ist drei Meter lang und wiegt 400 Kilogramm. So erklärt es das Schild über der Öffnung im Sonnendeck, durch die man George tagsüber meist bei seiner Arbeit sehen kann, die vor allem darin zu bestehen scheint, stillzuhalten. Der Ponton ist ein perfekter Lebensraum für Riesenzackenbarsche, eine künstliche Höhle, in deren Dämmerlicht die Fische auf Beute lauern.

Nun ist es pechschwarz dort unten, außer dem Plätschern der Wellen ist nichts zu hören. Auf dem Oberdeck werden Swags ausgerollt, wasserdichte Schlafsäcke mit Vordach über dem Kopf. Einschlafen mit Sternenblick auf dem Great Barrier Reef: das exklusivste Erlebnis auf den Inseln Queenslands.

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Die Reise beginnt einige Tage vorher einige Hunderte Kilometer weiter südlich in Hervey Bay. Hier starten im australischen Sommer die Bootstouren zum Wale-Schauen, und hier legen auch die Fähren nach Fraser Island ab. Es gibt wohl kaum einen Touristen, der auf seiner Tour entlang der Ostküste Australiens dieses Naturwunder auslässt: die größte Sandinsel der Welt, 124 Kilometer lang, bedeckt von Regenwald, gesprenkelt mit Wanderdünen und glasklaren Seen.

Kaum einer hat ihre Schönheit so gründlich erkundet wie Peter Meyer. Der Sohn deutscher Eltern, 44 Jahre alt, fährt jeden Tag Besucher in seinem Monster-Geländewagen über die Insel. In seiner Freizeit fährt er weiter, an die abgelegenen und versteckten Orte, und fotografiert. Die spektakulärsten Fotos hat er in einem Buch veröffentlicht.

Seine Kunden haben meist nicht so viel Muße, sie buchen eine Tagestour zu den Highlights. Also steuert Meyer sein Ungetüm über sandige Pisten bis zum berühmten 75-Mile-Beach. Der 123 Kilometer lange Strand ist eine offizielle Straße, mit Schildern und Radarkontrollen. Geländewagen und Motorräder brettern an den Hobbyfischern vorbei, die in der Brandung angeln. Einer hat gerade einen meterlangen Wurm aus dem Sand gezogen. In Stücke zerhackt soll der jetzt am Angelhaken Fische locken. Zu weit sollten Angler aber nicht hinaus waten: Manchmal folgen Haie den Fischen bis an den Strand.

Fraser Island sitzt auf einer Wasserblase, deshalb ist es die einzige Sandinsel, auf der Regenwald wächst. Einer der vielen Bäche ist der Eli Creek. An seiner Mündung parken schon Dutzende Autos. Von hier geht man ein paar Minuten über einen Bohlenweg, dann kann man sich im seichten Wasser unter Schraubenbäumen und Eukalypten hindurch zum Meer treiben lassen.

Fraser Island ist so fotogen, dass man automatisch zur Kamera greift, auch wenn die Motive schon millionenfach durchgeknipst sind: Das Wrack der 1935 gestrandeten "Maheno", das halb im Sand vergraben ist. Der Lake McKenzie mit seinem unfassbaren Kontrast aus dem Weiß des Sandes und dem Türkis der See. Der Regenwald mit seinen Königsfarnen, Neuguinea-Araukarien und die Satinay-Bäume, deren eisenhartes Holz im Suezkanal verbaut wurde. Wer ein originelleres Motiv will, muss ins Flugzeug steigen für einen Rundflug über die Insel. Oder gleich nach Lady Elliot Island fliegen.

Den ersten Manta sehen die Besucher beim Anflug durchs Fenster. Lady Elliot ist die südlichste Koralleninsel des Great Barrier Reef. Und die einzige mit ganzjähriger Manta-Garantie. Das sagt zumindest Fabrice Jaine. Der 29 Jahre alte Marinebiologe aus Hyères in Frankreich schreibt gerade seine Doktorarbeit über die Wanderungen der Riesenrochen. Vor Beginn des Forschungsprojekts ging man davon aus, dass weniger als 50 Mantas hier leben. "Aber es sind Hunderte, die das Great Barrier Reef auf und ab wandern und hier vorbeikommen", sagt Jaine. "Rings um die Insel ist nichts als Sandwüste. Hier aber bringt eine Strömung Nährstoffe aus der Tiefe."

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Garantie auf Mantas

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Ein weiterer Grund sind die Putzerstationen vor der Insel. Dort lassen sich die Mantas Parasiten vom Bauch knabbern. Und dort gehen deshalb die Schnorchler und Taucher ins Meer. Schon beim Abtauchen segelt der erste Riesenrochen vorbei und zieht alle Blicke auf sich. Die Schildkröte, die neben dem Betonblock auf dem Meeresgrund sitzt, wird erst beachtet, als der Manta davon schwebt. Suppenschildkröten und Unechte Karettschildkröten legen auf den Stränden der Insel ihre Eier. Sie machen Lady Elliot zu einem der wenigen Orte, die quasi eine Garantie auf Mantas und Schildkröten bieten.

Die Taucher schwimmen weiter entlang der Korallenstöcke, die aussehen wie karstige Inseln auf dem weißen Sandboden. Schwärme von bunten Fischen strömen zwischen ihnen hindurch, zwei harmlose Riffhaie ziehen vorbei. Und dann beginnt die Hauptrunde der Flugshow unter Wasser. Ein Manta kommt über einen Korallenstock geflogen, die Taucher knien sich in den Sand. Zehn Minuten dreht er seelenruhig seine Runden über ihren Köpfen, dann verschwindet er im Blau.

Die Flugshow an Land ist fast ebenso beeindruckend. Abertausende Seevögel landen auf Lady Elliot Island, um hier zu brüten. Wenn ein Flugzeug landet, stieben Wolken von Noddis auseinander. Fregattvögel segeln durch die Luft, Seeschwalben flattern kreischend umher. Der Geruch von Vogelkot hängt schwer in der Luft. Und neben dem Bett liegen Ohrenstöpsel. Denn um drei Uhr nachts beginnt das Balzgeheul der Keilschwanz-Sturmtaucher. Die asiatischen Arbeiter, die hier im 19. Jahrhundert Guano abbauten, hielten den Lärm für das Wehklagen böser Geister. Sie weigerten sich, nachts ihre Zelte zu verlassen.

Beim Rückflug dreht der Pilot noch zwei Runden über der Insel, damit auch alle ihr Südsee-Foto bekommen. Von oben sieht Lady Elliot ein bisschen aus wie ein Spiegelei - mit einem grünen Dotter, zugegeben. Das Hardy Reef dagegen, in dem der Ponton von Reef World verankert ist, erinnert aus der Luft an ein Aborigine-Gemälde. Die gepunkteten Linien sind Korallen auf türkisem Grund, und in der Mitte des Bildes leuchtet ein Herz: das berühmte Heart Reef.

Das Wasserflugzeug landet neben der Plattform, auf der sich schon viele Gäste in Badehose und Bikini tummeln. Bis zu 300 Besucher pro Tag bringen der Ausflugs-Katamaran von den Whitsunday Islands und Hubschrauber hierher. An diesem Tag sind es nur 150, und trotzdem geht es hektisch bis chaotisch zu. Schnorchler probieren Taucherbrille, Flossen und Stinger Suits gegen Quallenstiche an. Schnuppertaucher bekommen in ein paar Minuten einen Crashkurs eingetrichtert und wanken die Stufen zum Einstiegskäfig hinab.

Weniger Wagemutige drücken sich um die Öffnung im Deck, um George zu sehen. Ein junger Koreaner schüttet Wasser in die Öffnung, um den Riesen anzulocken. Doch der lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Er ist die lärmenden Horden gewohnt.

An der Längsseite liegt das "Semi-Submersible" vertäut, das regelmäßig zu Fahrten entlang des Riffs startet. Es ist halb U-Boot, halb Glasbodenboot. Vor den Fenstern zieht langsam ein Dornenwald aus ineinander verschlungenen Geweihkorallen vorbei. "Die neonblauen Spitzen sind die jungen Triebe", erklärt Chemene Warden. Makrelen jagen durchs Blau, leuchtend bunte Falterfische verstecken sich im Gewirr der Korallen, Papageienfische knabbern an abgebrochenen Stücken. "Das sind Süßlippen", ruft Warden ins Mikrofon, "die Fische, die aussehen wie Hollywoodstars mit aufgespritzten Lippen."

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Wie ein Garten

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Die bestens gelaunte 25-Jährige hat auf dem Ponton ihren Traumjob gefunden. "Ich bin schon als Kind mit dem Wohnwagen durch Australien gefahren und habe überall geschnorchelt", erzählt sie. Jetzt liest sie Fischbücher, schaut Dokus und will Marinebiologie studieren. "Das ist so, wie wenn man einen Garten hat", sagt Warden. "Da will man ja auch wissen, welche Pflanzen darin wachsen."

Am Spätnachmittag legt das Ausflugsschiff ab und bringt die Tagesgäste zurück nach Hamilton Island. Nur ein Dutzend Besucher bleibt. Die Sonne versinkt zu Lounge-Gedudel im Meer, während sich ringsum ein Massaker abspielt. Hunderte Seevögel stürzen sich wie Kamikaze-Bomber ins Wasser, das vor Fischen zu brodeln scheint. Am Grill wendet Chemene Warden die Steaks und Würstchen, australisches Barbecue-Dinner. Und dann bittet sie hinab in die Aussichtskammer, zur nächtlichen Fischparade am Korallenriff. Ob sich George dann regen wird?
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