Sarah Strickers Erstlingsroman "Fünf Kopeken"
Ein absolut bemerkenswertes Debüt

Sarah Stricker, 1980 in Speyer geboren, hat mit dem Buch "Fünf Kopeken" ihr Romandebüt veröffentlicht. Bild: dpa
 
Fünf Kopeken
Meine Mutter war sehr hässlich. Alles andere hätte mein Großvater ihr nie erlaubt." Mit dieser ironischen Pointe beginnt Sarah Strickers Roman "Fünf Kopeken". Er erzählt von einer Frau mit einem spitzen Kinn und einem noch spitzeren Mund, einer bleichen Haut und einem dürren Körper, die ihre fast blinden Augen hinter einer dicken Nana-Mouskouri-Brille versteckt. Erst ganz am Ende ihres Lebens, wenn sie bereits zu schwach ist, das Bett zu verlassen und an Schläuchen hängt, wird diese Frau auf eigenartige Weise schön sein.

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Geständnis am Sterbebett

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Erst dann wird sie auch die Maske der Selbstbeherrschung fallen lassen und ihrer Tochter von einem Leben erzählen, das sie bis dahin tief in ihrem Inneren verschlossen hatte. In den vielen Stunden am Krankenbett wird die Tochter eine ihr völlig unbekannte Mutter entdecken, eine Frau voller Geheimnisse, Leidenschaften und Abgründe. Dieses Leben hält die Tochter als Chronistin fest.

Sarah Stricker hat mit "Fünf Kopeken" ein bemerkenswertes Debüt hingelegt. Bereits vor zwei Jahren wurde die aus Speyer stammende, aber heute in Israel lebende Journalistin für Auszüge aus diesem Buch mit dem Martha-Saalfeld-Förderpreis ausgezeichnet. Tatsächlich schlägt die Autorin in ihrem 500-Seiten-Roman eine ganz eigene Tonart an. Ihr Buch ist ebenso amüsant wie unverblümt und hintergründig, manchmal auch ein bisschen nostalgisch. Sie ist eine behutsame Erzählerin, die schon einmal Szenen in Zeitlupe ablaufen lässt, ganz so wie wir in unserer Erinnerung bisweilen Erlebnisse abspulen. Keine Frage, wer dieses Buch in die Hand nimmt, muss Zeit mitbringen und Liebe zum Detail.

"Fünf Kopeken" ist nicht nur eine Mutter-Tochter-Geschichte, sondern auch eine Familiensaga. Der Großvater der Erzählerin ist ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier und typischer Vertreter der Wiederaufbaugeneration: "Wie alle Deutschen hatte auch er eine Tante, die im Keller ein paar Juden versteckt hatte, und war selbst ein glühender, wenn auch 'der Mutter zuliebe' heimlicher Antifaschist gewesen."

Nach dem Krieg wird dann in die Hände gespuckt und "losgewundert", in wenigen Jahren ein erfolgreiches Modegeschäft aus dem Boden gestampft. Als die Wende kommt, verlegt der nun gar nicht mehr so junge, aber immer noch erschreckend agile Großvater kurzerhand seinen Laden nach Berlin: "Die brauchen doch jetzt Leute wie uns."

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Verrückte Liebe

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Kein Wunder, dass ein solcher Leistungsfanatiker auch seine einzige Tochter auf Erfolg trimmt. Von Anfang an behandelt er sie "wie eine Erwachsene in zu kurz geratenem Körper". Die Kleine muss mit ihm täglich Zeitung lesen, dann Zeichnen lernen, dann zum Leistungssport. Eine Wundertat folgt der nächsten. Mit dem fatalen Ergebnis, dass die Tochter in späteren Jahren meint, sich alles erst verdienen zu müssen, auch die Liebe und das Glück. Als sich schließlich ein junger Mann aus Ost-Berlin bedingungslos in sie verliebt, verzeiht sie ihm das nicht. "Meine Mutter", berichtet die Erzählerin, "ertrug es nicht, dass ihr sein Herz einfach so in den Schoß gefallen sein sollte. Sie wollte es sich verdienen." Liebe betrachtet sie nicht als Geschenk, sondern als "Symptom eines Mangels", eines "Fehlers im System".

Es ist Ironie des Schicksals, aber irgendwie auch logisch, dass ausgerechnet ein so kontrollierter Verstandesmensch einer komplett unvernünftigen Leidenschaft verfällt zu einem Mann, der das genaue Gegenteil von ihr selbst ist: Schmierig, rücksichtslos und triebhaft, stellt er in kürzester Zeit ihr Leben auf den Kopf und bringt sie zu Dingen, die sie nie für möglich gehalten hätte. Erst am Ende ihres Lebens kann sie zu dieser "amour fou" stehen. Dass es Sarah Stricker gelingt, diese Lebensbeichte auf dem Totenbett in keiner Weise in Peinlichkeit und Kitsch abgleiten zu lassen, ist eines der vielen Wunder dieses Buches.

Sarah Stricker: "Fünf Kopeken", Hardcover, 512 Seiten, 19,99 Euro, Eichborn-Verlag, ISBN: 978-3-8479-0535-6.
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