Schachdorf Ströbeck
Kultur

Kein Mensch hierzulande würde von der 1150-Seelen-Gemeinde Ströbeck Notiz nehmen, wäre mit ihr nicht das Schachspiel verbunden. Dabei kann das Dorf, seit 2010 Ortsteil der Stadt Halberstadt im Landkreis Harz in Sachsen-Anhalt, auf eine lange Geschichte zurückblicken. Schon frühzeitig in Schenkungsurkunden erwähnt - am 20. Oktober 995 von König Otto III. und am 1. August 1004 von König Heinrich II. -, ist Ströbeck vor allem durch das Schachspiel bekannt geworden, welches das Dorf prägt und weshalb der Ort seit 1991 offiziell die Bezeichnung "Schachdorf" Ströbeck trägt.

Der Legende nach soll im Jahr 1011 ein adliger Gefangener des Halberstadter Bischofs seinen Bewachern das Schachspiel beigebracht haben. Die erste schriftliche Erwähnung des Schachspiels in Ströbeck stammt aus dem Jahr 1515, ist also genau 500 Jahre alt. Die Schachkultur Ströbecks ist einmalig. So wurde bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts abweichend von den offiziellen Spielregeln gespielt. Bauern durften aus der Grundstellung heraus nur ein Feld ziehen, es gab keine Rochade und ein die gegnerische Grundreihe erreichender Bauern durfte nicht sofort umgewandelt werden.

Auch im Dorfbild hat das Schach seine Spuren deutlich hinterlassen. Der von Fachwerkhäusern gesäumte zentrale "Platz am Schachspiel" ist seit jeher Schauplatz der Schach- und Heimatfeste gewesen, als deren Attraktion seit 1688 ein Schachspiel mit lebenden Figuren in schönen Gewändern aufgeführt wird. Der Platz ist zudem Piazza der Ströbecker Schachtradition mit Schachmuseum, Gasthaus zum Schachspiel sowie Schachladen und -verlag. Im 50 Meter entfernten Schachturm soll der adlige Gefangene inhaftiert gewesen sein. Und natürlich: Schach ist seit 1823 Unterrichtspflichtfach, das Stadtwappen ein auf der Spitze stehendes Schachbrett auf rotem Grund.

Unsere heutige Partie zeigt eine der seltenen Gelegenheiten, bei denen sich die amtierenden Weltmeister der Damen und Herren gegenübersitzen. Gespielt wurde die Partie bei dem an diesem Wochenende beendeten Tata-Steel-Turnier in Wijk aan Zee.

Weiß: Magnus Carlsen

Schwarz: Yifan Hou

1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 e5 5.Sb5 d6 6.c4 Le7 7.S1c3 a6 8.Sa3 Le6 9.Sc2 Lg5 10.Le2 Lxc1 11.Txc1 Sf6 12.0-0 0-0 13.Dd2 Db6 14.Tfd1 Tfd8 15.b3 h6 16.h3 Da7 17.Lf3 Se7 18.Se3 Sc6 19.Lg4 Sd4 20.Lxe6 fxe6 21.Sc2 Sxc2 22.Txc2 Td7 23.De2 Tad8 24.Td3 Dc5 25.Sa4 Dc6 26.Te3 b6 27.Sb2 Tf7 28.Td2 Sd7 29.Sd3 a5 30.Sb2 Sc5 31.Sd1 Tdf8 32.De1 Td8 33.Sc3 Tfd7 34.Dd1 Sa6 35.Dh5 Sc7 36.Tg3 Kh8 37.Tdd3 Te7 38.Tg6 De8 39.Tdg3 Tdd7 40.Sd1 Tf7 41.De2 Tf4 42.De3 b5 43.Sb2 Tdf7 44.c5 Dc6 45.Sd3 b4 46.De2 Th4 47.T6g4 Txg4 48.Dxg4 Kg8 49.Dh5 Sb5 50.Tg4 Sc3 51.Dxh6 Sxe4 52.Dxe6 Sxf2 53.Sxe5 Sxh3+ 54.Kh2 1-0

Tagesnotizen:Die Partie zu Taktikaufgabe Nr. 89a wurde bei der Deutschen Meisterschaft 2008 in Bad Wörishofen zwischen dem damals 19-jährigen Schweriner Sebastian Kesten und dem Kölner Senior Udo Goy gespielt. Um die weiße Dame von der g-Linie abzulenken, hatte Schwarz zuletzt 0...La6-c8 gespielt. So wollte Schwarz den Druck auf Feld g7 verringern. Allerdings hat er die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Wie kommt Weiß am Zug in Vorteil?

Mit dem Vierzüger in Aufgabe Nr. 89b legen wir ein bayrisch-schwäbisches Gemeinschaftswerk der renommierten Problemschachkomponisten zur Begutachtung - und natürlich auch zum Lösen - vor. Die Aufgabe erscheint zunächst nicht so schwierig, doch hat Weiß eine schwarze Verteidigungsressource zu beachten. Wie setzt Weiß in vier Zügen matt?

Lösungen: In Aufgabe Nr. 88a (Korányi, W: Kh6, Se4, Sg3, Bf3 [4], Schwarz: Kh4, Se1 [2]) war eine Studie des bedeutenden ungarischen Problemkomponisten angeboten, die seinerzeit mit dem ersten Preis bedacht wurde. Scheinbar kann Schwarz nach 1.f4! Sg2 2.f5 Se3 remis halten, da Schwarz nach 3.f6? zu 3...Sg4+ 4.Kg6 Sxf6 kommt. Nach dem Fall des f-Bauern kann Weiß mit dem verbleibenden Springerpaar das Matt nicht erzwingen. Zum Erfolg führt das überraschende Springeropfer 3.Sf2!

Der Springer kontrolliert von hier aus das Feld g4, weshalb 4.f6 droht, wonach Schwarz die Bauernumwandlung nicht mehr verhindern kann. Da sich 3...Sxf5? wegen 4.Sxf5# verbietet, bleibt Schwarz nur 3...Kxg3. Nach 4.f6 verhindert Schwarz den Bauernvormarsch noch mit4...Sf5+ 5.Kg6 Sd6, doch das zweite Springeropfer 6.Se4+! lenkt den schwarzen Springer von Feld f7 ab: 6...Sxe4 7.f7 nebst Umwandlung in eine Dame.

Danach ist der Gewinn problemlos. Die mit dem ersten Preis bedachte Studie hätte ohne weiteres das Finale einer Schachpartie gewesen sein können.

Mit Aufgabe Nr. 88b (Schulze, W. Kf6, Tf2, Tg3, Be2, Bg4 [5], S: Kh1 [1]) hatten wir einen Vierzüger-Zwilling in Miniatur zum Lösen angeboten.

In der a-Stellung des Zwillings fällt zunächst auf, dass der schwarze König bewegungsunfähig in der Brettecke steht. Ihm ist im Schlüsselzug eine Zugmöglichkeit zu geben. Dies erledigt Weiß mit dem Schachschlüssel 1.Tf1+!und löst damit eine Schachzwang-/Zugzwangfolge aus. Nach 1...Kh2 2.T3g1 Kh3 kehrt mit 3.Tf2 dieser Turm auf sein Ausgangsfeld zurück, um den schwarzen König nach 3...Kh4 mit 4.Th1# matt zu setzen.

In Stellung b des Zwillings ist der weiße König von Feld f6 nach c3 versetzt. Auch jetzt hat Weiß die Pattstellung aufzulösen. Dies geschieht echoartig mit 1.Th3+!, die Schach-/Zugzwangfolge 1...Kg1 2.Tfh2 Kf1 3.Tg3! Ke1 4.Tg1# auslösend. Auch in der b-Stellung des Zwillings ist ein weißer Turm im dritten Zug auf sein Ausgangsfeld zurückgekehrt, womit das Thema dieser Zwillingsminiatur gefunden wäre.

Ein löserfreundlicher und dennoch reizvoller Zwilling des renommierten schwäbischen Problemkomponisten Eberhard Schulze.
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