"Schade, dass er nicht gesungen hat"

Sie weiß es noch, als ob sich das alles erst gestern zugetragen hätte. Es war ein Freitagabend. Längst hatte sich die Dunkelheit über ihre Heimatstadt Hirschau in der Oberpfalz gelegt. Es herrschte klirrende Kälte an diesem 5. Februar 1960, Schneeflocken tanzten vom Himmel. Eigentlich nicht gerade einladend, um noch einmal hinaus auf die Straße zu gehen. Dennoch verließ die damals zwölf Jahre alte Maria noch einmal die elterliche Wohnung. Denn in der 6000-Einwohner-Gemeinde gab es ein Ereignis, von dem heute noch viele reden.

Auf dem Marktplatz stand ein US-Soldat. Er hieß Elvis Presley. "Der Elvis ist da", hörte Maria von Freundinnen, wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht unter der Hirschauer Jugend verbreitet. Elvis? Die Älteren kannten ihn nicht. Wohl aber Hirschaus Teenager. Sie spurteten los. Als Maria Stoll ankam, stand der einen Monat zuvor 25 Jahre alt gewordene Elvis nicht mehr unmittelbar am Marktplatz, wo er zuvor dem Journalisten Sepp Müller ein Interview gegeben hatte.

Der damals bekannteste Soldat der US-Army war mit seinem Jeep und einigen ihn begleitenden GI's hinüber in die nur wenige Meter entfernte Klostergasse gefahren. Der Rummel war riesig. "Es waren viele da", erinnert sich Maria Stoll bis heute und erzählt, dass natürlich niemand Bilder oder Platten dabei hatte. "Wir wollten aber unbedingt Autogramme", lenkt Maria Stoll den Blick auf diesen eiskalten Abend vor nunmehr fast 55 Jahren. Was tun? Gleich gegenüber befand sich das bis heute existierende Wirtshaus "Goldenes Lamm". Dort an der Theke lagen stapelweise Bierdeckel der heute nicht mehr vorhandenen "Löwen-Brauerei Grafenwöhr". Elvis hatte alle Zeit der Welt. Er nahm an einem Nato-Manöver teil, wartete auf eine Panzerkolonne, die sich verspätete. Also setzte er seinen Namen unzählige Male auf die weiße Rückseite der vorne bunt bedruckten Bierdeckel.

Drei solcher kreisrunden Kartonstücke besitzt Maria Stoll auch nach fünfeinhalb Jahrzehnten noch und sie würde diese Autogramme nie verkaufen. Denn es sind Unikate, die es in dieser Form wohl nirgendwo anders gibt. Höchstens noch in der Hirschauer Nachbarstadt Amberg. Auch dort legte Elvis Presley bei diesem Manöver einen kurzen Stopp ein und signierte Bierdeckel, die aus einem nahen Lokal kurzerhand herbeigeschafft wurden. War ein Gespräch mit Elvis möglich? "Nein. Der war immer von seinen Kameraden umringt und wir hätten ja auch seine Sprache nicht gesprochen." So blieb es bei Blickkontakten und beim ehrfurchtsvollen Anhimmeln des Idols. Später übrigens auch drinnen im "Goldenen Lamm". Der Mann aus den Staaten ließ sich dort kurz nieder, trank eine Cola, war für seine Fans da und schrieb erneut Autogramme. Wieder auf Bierdeckel. Es gab genügend.

"Schade, dass er nicht gesungen hat", bedauert Maria Stoll auch heute noch. Elvis wurde zwar bestürmt, aber er kam dieser Bitte nicht nach. Während der King lachte, als man ihm das übersetzte, wehrten seine Kameraden ab. Da gebe es gewisse Rechte, ließen sie wissen. Und dann wären wohl auch das Wetter und der Ort denkbar ungeeignet für einen solchen Kurzauftritt gewesen.
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