Schäumendes Mittelmeer

Die größten Flamingo-Kolonien der Camargue finden sich am Westrand des Rhone-Deltas (links). Schwarze Stiere tragen stolz ihr lyra-förmiges Gehörn. Bilder: Tamme (4)

Bevor sich Frankreichs wasserreichster Strom ins Mittelmeer ergießt, teilt er sich in die Kleine und die Große Rhone. Dadurch entsteht ein riesiges Delta, das seit fünfundvierzig Jahren die Bezeichnung "Regional-Park Camargue" trägt und Heimat für über vierhundert Vogelarten ist.

Seit 1970 zieht diese ursprünglich gebliebene, scheinbar endlose Ebene mit ihrer besonderen Flora und Fauna Naturliebhaber aus aller Welt an. Vom frühen Sommer bis zum Spätherbst sind so viele Menschen zu Pferde, per Fahrrad oder auch zu Fuß unterwegs, dass einheimische Stimmen befürchten, die Camargue könne ein Opfer ihrer einzigartigen wilden Schönheit werden.

Ganz anders im frühen Frühling. Jetzt holt die Natur tief Atem. Schon Beim Aussteigen aus dem Auto "überfällt" einen die grenzenlose Stille. Sie ist so intensiv, dass sogar unsere Gespräche leiser werden. Der Gegensatz zum Sommer ist so groß, dass man sich "auf der anderen Seite der Zeit" empfindet, wie es die Autorin Elena Marques einmal formuliert hat. Standquartier für unsere Ausflüge ist immer die an Monumenten und Museen überreiche Stadt Arles. Ihre neueste Attraktion sind fünfzig von Picasso geschaffene Männer-Porträts im Musée Réattu. Doch auch der Espace van Gogh muss warten. Denn uns treibt es regelrecht hinaus aus der Stadt. Im Camargue-Museum erfahren wir zunächst fast alles Wissenswerte über Mensch und Natur im Regionalpark. Wir sind die einzigen Besucher. Im Sommer herrschte hier großes Gedränge. Jetzt erklären uns die zwei Museums-Damen gern den Sinn des schwarzen, hölzernen Monstrums draußen neben dem Gebäude. Bei seinem Anblick denkt man an einen Beobachtungsposten oder ein Schiffs-Skelett. Doch es ist das Kunstwerk eines Japaners, der sich von der Camargue inspirieren ließ und der auf diese Weise die "futilité", die Nichtigkeit all unseres Tuns, ausdrücken wollte.

Dann beginnen wir die erste Umfahrung der 150 Quadratkilometer großen Lagune "Vaccarès". Jetzt haben wir sie ebenso "für uns" wie das umgebende Schilf-, Sumpf- Ackerland. Einmal treffen wir bei einem Beobachtungsstand zwei englische Ornithologen, die aber nur "good morning" flüstern und dann wieder ihre Ferngläser in den Himmel und auf das Wasser richten, um ihre Beobachtungen zu notieren.

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Bei der Weiterfahrt gibt es ein Wiedersehen mit den weißen Camargue-Pferden und den halbwilden schwarzen Stieren. Die größte Flamingo-Kolonie erblicken wir am Westrand des Parks nahe der Stadt Les-Saintes-Maries de la Mer. Über ihren menschenleeren weit ausgedehnten Strand und das schäumende Mittelmeer weht jetzt der kalte Mistral-Wind, der "die Luft reinigt und die Menschen belebt".

In der warmen Bar erfahren wir von der Legende, die der Stadt den Namen gab: Im Jahr 45 landeten hier Maria Jacobäa, die Schwester der Gottesmutter, Maria Salome, die Mutter der Apostel Johannes und Jakobus sowie Maria Magdalena, um die Provence zu christianisieren. Ihre Dienerin, die schwarze Sara, wird besonders von den Zigeunern auf vielen Wallfahrten verehrt. Man kann das Dach der Kirche "Unserer lieben Frau vom Meer" problemlos besteigen, in deren Krypta die frisch geschmückte Sara-Statue steht.

Ganz in der Nähe liegt das von zehn Meter hohen Mauern umschlossene, quadratisch angelegte Städtchen Aigues Mortes, das trotz seines Namens auch ohne Touristen voller Leben ist. Der Bistro-Wirt zeigt uns den vierzig Meter hohen Constance-Turm, in dem man im Mittelalter die getöteten Angreifer in Salz-Schichten lagern musste, um das Risiko einer Pest zu mindern. Im 13. Jahrhundert ist König Ludwig der Heilige im Hafen der heute sechs Kilometer landeinwärts gelegenen Stadt zum Kreuzzug aufgebrochen.

Ein Gast erwähnt stolz, dass Vincent van Gogh hier einzelne Häuser, bewegte Wellen und die bekannten Fischerboote am Strand gemalt hat. Der geniale Niederländer hatte ja bekannt, dass er wegen des besonderen Lichts und der kräftigen Farben in die Provence gezogen sei.

Der nächste Tag führt uns zum Ostrand des Deltas mit seinen beeindruckenden weißen Salzbergen. Sie sind für die lokale Wirtschaft ebenso wichtig wie der Reisanbau. Man streitet, ob die Körner rot oder weiß sind. Schmackhaft sind sie allemal. Und dann tauchen wir wieder ein in die Einsamkeit der fast baumlosen Ebene. Unter dem wolkenverhangenen Himmel schimmern die Büsche, Bäume und Gewächse in den Farben Braun, Grau, Grün und Orange.

In dieser Umgebung wirken die Schirm-Pinien, Wacholder und Tamarisken wie etwas Besonderes. Und immer wieder beobachten wir grasende weiße Pferde, deren Nachwuchs erst nach drei Jahren die Farbe von Braun zu Weiß wechselt. Flamingos auf Nahrungssuche und große Herden kräftiger Stiere. Sie erinnern uns an den Erfolg des Buches "Schwarze Stiere meines Zorns" von Fernández de la Reguera aus den Sechziger Jahren. Für einige von ihnen wartet schon die Feria von Arles am 3. April, auf die bereits jetzt bunte Plakate hinweisen.

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Universum für sich

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Daheim werden wir an diesem Tag noch einmal an die Camargue im Frühjahr zurückdenken, deren Reize und herbe Schönheit sich nur schwer in Worte fassen lassen. Ein Franzose hat es so versucht: "Weite Ebenen, wo jeder Tag den Himmel mit dem Meer vermählt; schwarze Stier-Herden, die stolz ihr lyra-förmiges Gehörn tragen; rosa Flamingos, die plötzlich auffliegen, und weiße galoppierende Pferde - einzigartig in einer eigenen Welt - die Camargue formt ein Universum für sich ganz allein."
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